MARKUS BAUMHAUS

IM GESPRÄCH
MIT MARIE M. SCHÄFFER

Das Interview zu Weismann und Rotgesicht

 


Marie M. Schäffer ist Chefdramaturgin am Schauspiel des Mainfrankentheater Würzburg.

 

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Schäffer: Wir haben dir "Weisman und Rotgesicht" von Tabori angeboten und ich hatte den Eindruck, dass du erst einmal geschluckt hast.

Baumhaus: Ja, das stimmt. Bis ich gemerkt habe, dass ich eine Schnittmenge mit Tabori offen habe, wo es spannend wird. Tabori bricht die Regeln, wie man über ein Thema denkt. Er steigt durchs Lachen aus, stellt sich daneben und berichtet, was er von dem neuen Standpunkt aus sieht. Das ist politically incorrect, weil er sich nicht an die vorgeschriebenen Sichtweisen hält und sie anzweifelt, oft sogar lächerlich macht. Der rüttelt ganz schön an den Fassaden unserer gesellschaftlichen Konventionen. Aber er ist dabei auf der Suche nach den Denkgebäuden, die nach so einem erschütternden Lachen noch stehenbleiben. Und am liebsten ist es ihm wohl, wenn mal ein Gebäude stehenbleibt und statt dessen das Lachen erschüttert ist. Das hat schon was mit mir zu tun.

Ich finde auch die Art spannend, wie er das macht. Eigentlich hat er sich mit Weisman ein Alter ego auf die Theaterbühne geschrieben und mit Rotgesicht dazu seinen größtmöglichen Feind dazu – den kennt man ja nur selber. Zwischen diesen beiden Figuren hat er ein Selbstgespräch inszeniert. Und diese absolut private Kiste setzt er aufs Theater. Weil er aber weiß, dass das etwas sehr privates ist, etwas sehr eitles und fast etwas onanistisches, fängt er an damit zu kokettieren. Und ausgebufft, wie er ist, hat er das in die Form eingehen lassen. Die Form ist der kokettierende, etwas outrierende Schauspieler, der in seine Rolle Dinge hineinpackt, die kleine halb private Scherzchen sind. Das ist ein ständiges Etwas-aus-und-dann-halb-wieder-einsteigen, ein Viertelchen neben der Rolle stehen, mal ein Achtel, mal dann doch wieder reingehen. Was auch eine Botschaft ist: Ich muss mich nicht an die Regeln des Lebens halten, ich kann mich auch am Thema entlang witzeln, bis ich es schaffe, mich im entscheidenden Moment darauf einzulassen. Und der entscheidende Moment ist der Tod.

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Schäffer: Was sollen nun die Schauspieler damit machen? Du willst sie dazu bringen, etwas, das als Theaterunsitte verpönt ist, ganz bewusst einzusetzen?

Baumhaus: Es erfordert von den Schauspielern, dass sie auch mit den Mitteln des outrierenden Spiels lustvoll und bewusst umgehen, um ihrem Publikum etwas zu erzählen, um es zu verführen und auch um es in eine emotionale Achterbahn mit hineinzunehmen. Eine Achterbahn, deren Fahrt sie bestimmen, auch wenn sich einem dabei der Magen umdreht. Theater ist nichts für Gutmenschen. Theater ist eine ganz diabolische und gemeine Angelegenheit. Ich habe einmal Schauspielern nach der Generalprobe gesagt: Habt einfach viel Spaß. Ihr habt die beste Ausrede der Welt: Es ist für einen guten Zweck. Es geht um die lustvolle Verführung der Zuschauer zum Fühlen und Denken und das mit allen Mitteln, auch mit den unmoralischen. Wer ins Theater rein geht, hat mit dem Erwerb der Eintrittskarte das Recht auf emotionale Sicherheit für zwei Stunden verloren. Trotzdem bin ich sehr dafür, das Publikum abzuholen. Aber nur von da, wo es selber hinkommen kann. Bei einer Kommunikation sollten sich zwei Seiten aufeinander zu bewegen, sonst wollen sie ja nichts voneinander.

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Schäffer: Dazu bedarf es schon einer großen Überzeugungskraft, besser: Verführungskraft, um nicht nur vom Kopf zu sprechen.

Baumhaus: Ich versuche, die Schauspieler auf den Proben zu einer Reise zu verführen. Auf die sie Lust bekommen anschließend ihr Publikum mitzunehmen. Und zwar jeden Abend neu. Theater ist doch ein bisschen wie eine Motorradfahrt über eine an vielen Punkten abgesteckte Gefahrenstrecke – nur sitzen jeden Abend andere Partner auf den Sozius-Sitzen im Parkett. Und zwar Partner, die sich ja mit in die Kurve legen. Ich finde Theater spannend, das versucht, mit diesem Umstand lustvoll umzugehen.

 

Schäffer: Ich habe "Weisman und Rotgesicht" ja nicht zum ersten Mal gesehen und natürlich auch nicht das erste Mal gelesen, aber ich habe noch nie so viel von diesem Stück begriffen wie in deiner Inszenierung. Und das Besondere war: Ich konnte jedem Satz und jeder Wendung folgen. Obwohl ich den Figuren kaum ein Wort glauben konnte, habe ich den Schauspielern und damit dem Stück alles geglaubt. Sie haben mich wirklich mitgenommen. Sie haben mir jede verquere Schleife ganz logisch erscheinen lassen.

Baumhaus: Danke.

 

Schäffer: Aber eine Aussage von Dir hat mich irritiert. Du sagtest, du willst eine Wahrheit inszenieren. So ganz bestimmt dein Satz: Ich habe eine Wahrheit zu diesem Stück. Was ich sehe ist aber, dass Du einen Raum öffnest für Möglichkeiten und damit für Fragen.

Baumhaus: Eine Wahrheit zu haben, heißt nicht, sie zu erklären, sondern nur, dass der Bühnenvorgang in sich stimmt und man spürt, dass da eine Wahrheit ist. Die Wahrheit wissen in letzter Konsequenz nur die Schauspieler, während sie spielen. Es gibt auch Ecken, wo ich nicht bis ins letzte Bisschen weiß, was die Figur gerade denkt.

 

Schäffer: Erzähl mir doch bitte: Was weißt du über, nehmen wir die kleinste Rolle im Stück, über die Figur des Jägers.

Baumhaus: Der Jäger? Bei Tabori ist er eigentlich das Böse schlechthin, eine entseelte, egoistische Rechtsposition: Wenn man sich an alle Regeln hält und einen Jagdschein erwirbt, darf man töten und ist selber geschützt. Tabori erzählt das in nicht mal zehn Sätzen, das hat theatrale Chuzpe, das finde ich klasse.

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Schäffer: Dein Jäger hat aber Angst.

Baumhaus: Ja, mein Jäger ist meiner Welt näher: Der ist nur der Sohn vom großen bösen Papa, ein kleiner Angsthase, der es so macht, wie er es halt gelernt hat. Eigentlich noch widerlicher! Mit dem hat man ja gleich wieder Mitleid.

 

Schäffer: Er erscheint wie eine Fata Morgana auf Taboris Hochplateau, und nachdem er wieder weg ist, wissen wir umso genauer, was das für eine Welt ist, in der wir uns jetzt die nächsten 80 Minuten aufhalten werden.

Baumhaus: Tabori beschreibt die Welt als ein zugiges, lebensfeindliches, windiges Hochplateau mit einer Sonne, die aussieht wie der Mond. Na schön, sag ich, wenn die Sonne aussieht wie der Mond, dann such’s Dir doch gefälligst aus, und zwar positiv.
Theater ist schließlich kein Selbstzweck! Theater dient dazu eine Geschichte zu erzählen, um jemanden zum Denken zu verführen, zum Fühlen zu bringen, eine Weltposition darzustellen, eine Frage aufzuwerfen, ein Unwohlsein kundzutun, was auch immer. Es geht immer um eine Kommunikation. Um das Kommunizieren eines Weltempfindens. Und vielleicht am Ende darum, sich einen Sinn zu konstruieren, um die Welt auszuhalten.

 

Schäffer: Ich möchte etwas bewirken, heißt das ja auch ...

Baumhaus: Ja. Vielleicht haben meine Inszenierungen deswegen immer so einen leichten Überdruck. Ich glaube, das kommt aus dem Gefühl heraus, mich gegen alle zynischen Sichtweisen auf das Thema absichern zu müssen. Auch gegen meine eigenen, ich bin ja auch Kind meiner Zeit. Ich möchte jedenfalls am Ende feststellen dürfen, was als grundlegende Wahrheit übrig bleibt und sich behaupten kann. Und ich bin jemand, der hofft, dass er da am Ende noch was findet. Wie soll das denn hier sonst lebbar sein? Vielleicht ist das ja ein bisschen wie bei Kleist: Wenn man gerade aus dem Paradies der Ideologien vertrieben worden ist, muss man sich auf den ganzen Weg um die lärmende Welt machen, um dann hinten wieder ins Paradies reinzukommen. Nur: Bei Kleist war es noch sicher, dass es da ein Paradies gibt, in das man hinten wieder reinkommen kann. Ich glaube, wir sind uns da heute alle nicht mehr so sicher. Möglicherweise wäre es dann aber eine Aufgabe der Kunst, Vorschläge für den Bau eines neuen zu machen. Das sind Fragen, die mich derzeit beschäftigen.

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Schäffer: Eine hochmoralische Haltung, und darin vergleichbar dem, was ich bei den neuen englischen Dramatikern spüre.

Baumhaus: Weiß ich nicht. Ich habe bei all diesen jungen englischen Dramatiker-Bluthunden eher das Gefühl, dass die versuchen, den Zynismus mit Zynismus zu erschlagen. Eine Form der Reaktion, die mir nicht fremd ist. Deswegen wollte ich damals auch unbedingt "Faust ist tot" am Schauspiel Frankfurt machen. Ich wusste, da ist eines meiner Themen im Subtext des Stückes. Das ist jetzt aber auch schon ein bisschen her. Inzwischen gibt es ein anderes, neues Stück, das mich gerade sehr interessiert, weil es diese Themen auf die Spitze treibt. Das würde ich gerade liebend gerne machen... Und dann ist auch mal Schluss damit, dann kommt das nächste Thema.

 

Schäffer: Ich sehe schon, du willst das Stück jetzt nicht nennen. Ich wünsche Dir, dass Du es machen kannst, von Herzen.



Alle Fotos von Petra Winkelhardt. 
Weisman: Max de Nil
Rotgesicht: Nils Liebscher
Ruth: Simone Ascher
Jäger: Stefan Kleinert

 


WEISMANN UND ROTGESICHT
von George Tabori
Bühne und Kostüme:
Dorothee Silbermann
Mainfranken-Theater Würzburg

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