| MARKUS BAUMHAUS IM GESPRÄCH Das Interview zu Weismann und Rotgesicht |
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Baumhaus: Es erfordert von den Schauspielern, dass sie auch mit den Mitteln des outrierenden Spiels lustvoll und bewusst umgehen, um ihrem Publikum etwas zu erzählen, um es zu verführen und auch um es in eine emotionale Achterbahn mit hineinzunehmen. Eine Achterbahn, deren Fahrt sie bestimmen, auch wenn sich einem dabei der Magen umdreht. Theater ist nichts für Gutmenschen. Theater ist eine ganz diabolische und gemeine Angelegenheit. Ich habe einmal Schauspielern nach der Generalprobe gesagt: Habt einfach viel Spaß. Ihr habt die beste Ausrede der Welt: Es ist für einen guten Zweck. Es geht um die lustvolle Verführung der Zuschauer zum Fühlen und Denken und das mit allen Mitteln, auch mit den unmoralischen. Wer ins Theater rein geht, hat mit dem Erwerb der Eintrittskarte das Recht auf emotionale Sicherheit für zwei Stunden verloren. Trotzdem bin ich sehr dafür, das Publikum abzuholen. Aber nur von da, wo es selber hinkommen kann. Bei einer Kommunikation sollten sich zwei Seiten aufeinander zu bewegen, sonst wollen sie ja nichts voneinander.
Baumhaus: Ich versuche, die Schauspieler auf den Proben zu einer Reise zu verführen. Auf die sie Lust bekommen anschließend ihr Publikum mitzunehmen. Und zwar jeden Abend neu. Theater ist doch ein bisschen wie eine Motorradfahrt über eine an vielen Punkten abgesteckte Gefahrenstrecke nur sitzen jeden Abend andere Partner auf den Sozius-Sitzen im Parkett. Und zwar Partner, die sich ja mit in die Kurve legen. Ich finde Theater spannend, das versucht, mit diesem Umstand lustvoll umzugehen.
Schäffer: Ich habe "Weisman und Rotgesicht" ja nicht zum ersten Mal gesehen und natürlich auch nicht das erste Mal gelesen, aber ich habe noch nie so viel von diesem Stück begriffen wie in deiner Inszenierung. Und das Besondere war: Ich konnte jedem Satz und jeder Wendung folgen. Obwohl ich den Figuren kaum ein Wort glauben konnte, habe ich den Schauspielern und damit dem Stück alles geglaubt. Sie haben mich wirklich mitgenommen. Sie haben mir jede verquere Schleife ganz logisch erscheinen lassen. Baumhaus: Danke.
Schäffer: Aber eine Aussage von Dir hat mich irritiert. Du sagtest, du willst eine Wahrheit inszenieren. So ganz bestimmt dein Satz: Ich habe eine Wahrheit zu diesem Stück. Was ich sehe ist aber, dass Du einen Raum öffnest für Möglichkeiten und damit für Fragen. Baumhaus: Eine Wahrheit zu haben, heißt nicht, sie zu erklären, sondern nur, dass der Bühnenvorgang in sich stimmt und man spürt, dass da eine Wahrheit ist. Die Wahrheit wissen in letzter Konsequenz nur die Schauspieler, während sie spielen. Es gibt auch Ecken, wo ich nicht bis ins letzte Bisschen weiß, was die Figur gerade denkt.
Schäffer: Erzähl mir doch bitte: Was weißt du über, nehmen wir die kleinste Rolle im Stück, über die Figur des Jägers. Baumhaus: Der Jäger? Bei Tabori ist er eigentlich das Böse schlechthin, eine entseelte, egoistische Rechtsposition: Wenn man sich an alle Regeln hält und einen Jagdschein erwirbt, darf man töten und ist selber geschützt. Tabori erzählt das in nicht mal zehn Sätzen, das hat theatrale Chuzpe, das finde ich klasse.
Baumhaus: Ja, mein Jäger ist meiner Welt näher: Der ist nur der Sohn vom großen bösen Papa, ein kleiner Angsthase, der es so macht, wie er es halt gelernt hat. Eigentlich noch widerlicher! Mit dem hat man ja gleich wieder Mitleid.
Schäffer: Er erscheint wie eine Fata Morgana auf Taboris Hochplateau, und nachdem er wieder weg ist, wissen wir umso genauer, was das für eine Welt ist, in der wir uns jetzt die nächsten 80 Minuten aufhalten werden. Baumhaus: Tabori beschreibt die
Welt als ein zugiges, lebensfeindliches, windiges Hochplateau mit einer Sonne, die
aussieht wie der Mond. Na schön, sag ich, wenn die Sonne aussieht wie der Mond, dann
suchs Dir doch gefälligst aus, und zwar positiv.
Schäffer: Ich möchte etwas bewirken, heißt das ja auch ... Baumhaus: Ja. Vielleicht haben meine Inszenierungen deswegen immer so einen leichten Überdruck. Ich glaube, das kommt aus dem Gefühl heraus, mich gegen alle zynischen Sichtweisen auf das Thema absichern zu müssen. Auch gegen meine eigenen, ich bin ja auch Kind meiner Zeit. Ich möchte jedenfalls am Ende feststellen dürfen, was als grundlegende Wahrheit übrig bleibt und sich behaupten kann. Und ich bin jemand, der hofft, dass er da am Ende noch was findet. Wie soll das denn hier sonst lebbar sein? Vielleicht ist das ja ein bisschen wie bei Kleist: Wenn man gerade aus dem Paradies der Ideologien vertrieben worden ist, muss man sich auf den ganzen Weg um die lärmende Welt machen, um dann hinten wieder ins Paradies reinzukommen. Nur: Bei Kleist war es noch sicher, dass es da ein Paradies gibt, in das man hinten wieder reinkommen kann. Ich glaube, wir sind uns da heute alle nicht mehr so sicher. Möglicherweise wäre es dann aber eine Aufgabe der Kunst, Vorschläge für den Bau eines neuen zu machen. Das sind Fragen, die mich derzeit beschäftigen.
Schäffer: Eine hochmoralische Haltung, und darin vergleichbar dem, was ich bei den neuen englischen Dramatikern spüre. Baumhaus: Weiß ich nicht. Ich habe bei all diesen jungen englischen Dramatiker-Bluthunden eher das Gefühl, dass die versuchen, den Zynismus mit Zynismus zu erschlagen. Eine Form der Reaktion, die mir nicht fremd ist. Deswegen wollte ich damals auch unbedingt "Faust ist tot" am Schauspiel Frankfurt machen. Ich wusste, da ist eines meiner Themen im Subtext des Stückes. Das ist jetzt aber auch schon ein bisschen her. Inzwischen gibt es ein anderes, neues Stück, das mich gerade sehr interessiert, weil es diese Themen auf die Spitze treibt. Das würde ich gerade liebend gerne machen... Und dann ist auch mal Schluss damit, dann kommt das nächste Thema.
Schäffer: Ich sehe schon, du willst das Stück jetzt nicht nennen. Ich wünsche Dir, dass Du es machen kannst, von Herzen.
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WEISMANN UND
ROTGESICHT
von George Tabori
Bühne und Kostüme:
Dorothee Silbermann
Mainfranken-Theater Würzburg
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