DIE SCHERBEN SIND GESICHTET
- WAS FANGEN WIR JETZT AN?
Während des 39. Theatertreffens in Berlin haben
wir eine Reihe von bemerkenswerten Produktionen gesehen. Aus der Gesamtschau der 10
gezeigten Inszenierungen und aus den Erfahrungen unserer eigenen Theaterarbeit hat sich in
den Gesprächen mit der Jury, vor allem aber in den Begegnungen der Teilnehmer des Internationalen
Forums junger Bühnenangehöriger untereinander eines immer deutlicher
herauskristallisiert:
Bei den ausgewählten Inszenierungen zeigt sich
symptomatisch die Tendenz, die Welt inhaltlich und/oder ästhetisch als eine
fragmentarisierte und nicht mehr lebbare zu zeigen, in der die verbindenden Ideologien,
Werte und Traditionen verloren gegangen sind. In ihr resigniert der Einzelne gegenüber
globalen Vorgängen, die zunehmend undurchschaubarer werden, und denen er sich ohne den
Rückhalt sozialer Kollektive ausgeliefert fühlt.
Der künstlerische Umgang mit dieser Welt
beschränkt sich aber auf ihre bloße Beschreibung: Nur der Verlust wird thematisiert. Es
wird darauf verzichtet, ihm etwas entgegenzusetzen: Die Kunst resigniert vor der Welt.
Jeder von uns fühlt ein großes Unbehagen
gegenüber dieser resignativen Haltung. Und eine Not, dem etwas entgegenzusetzen. Das
wurde auf dem Forum immer wieder mit großer Vehemenz formuliert, und es gab eine
erstaunliche Übereinstimmung der Teilnehmer in diese Frage. Aus den Gesprächen heraus
formulieren wir folgende Position:
- Aufgabe der Kunst ist es unserer Meinung nach,
versuchsweise Standpunkte einzunehmen, die Scherben neu zu ordnen, möglicherweise sogar
neue Baustoffe zu suchen und neue Zusammensetzungen auszuprobieren, um sie der
Gesellschaft anzubieten.
- Aufgabe des Künstlers ist es, aus Lust, Not und
Neugierde auf eigenes Risiko voranzugehen. Das wollen wir probieren.
Markus Baumhaus, Regisseur, Frankfurt am
Main / Hannover
Ralph Blase, Dramaturg, Münster
Boris Denulat, Regisseur, Mainz
Ana Kerezovic, Schauspielerin, Wien
Karla Mäder, Dramaturgin, Lübeck
Andrea Mutz, Bühnenbildnerin, Oberhausen
Harald Wolff, Regisseur, Göttingen
Teilnehmer des Internationalen Forums junger
Bühnenangehöriger
Berlin, im Mai 2002