DIE SCHERBEN SIND GESICHTET
- WAS FANGEN WIR JETZT AN?

Das Statement
vom
Internationalen Forum Junger Bühnenangehöriger
des Berliner Theatertreffens 2002

Baumhaus / Wolff
mit Blase / Denulat / Kerozovic / Mäder / Mutz

 


Das Internationale Forum Junger Bühnenangehöriger findet jedes Jahr als Teil des Berliner Theatertreffens statt.

In diesem Jahr machte es mit einem STATEMENT auf sich aufmerksam, das von Harald Wolff und mir geschrieben, im Forum diskutiert und mit weiteren Unterschriften versehen veröffentlicht wurde.

Es folgt der Wortlaut und Teile der Presseresonanz.

Wer mehr lesen will: In der DEUTSCHEN BÜHNE vom Juli 2002 steht ein vierseitiger Artikel.

 


DIE SCHERBEN SIND GESICHTET
- WAS FANGEN WIR JETZT AN?

Während des 39. Theatertreffens in Berlin haben wir eine Reihe von bemerkenswerten Produktionen gesehen. Aus der Gesamtschau der 10 gezeigten Inszenierungen und aus den Erfahrungen unserer eigenen Theaterarbeit hat sich in den Gesprächen mit der Jury, vor allem aber in den Begegnungen der Teilnehmer des Internationalen Forums junger Bühnenangehöriger untereinander eines immer deutlicher herauskristallisiert:

Bei den ausgewählten Inszenierungen zeigt sich symptomatisch die Tendenz, die Welt inhaltlich und/oder ästhetisch als eine fragmentarisierte und nicht mehr lebbare zu zeigen, in der die verbindenden Ideologien, Werte und Traditionen verloren gegangen sind. In ihr resigniert der Einzelne gegenüber globalen Vorgängen, die zunehmend undurchschaubarer werden, und denen er sich ohne den Rückhalt sozialer Kollektive ausgeliefert fühlt.

Der künstlerische Umgang mit dieser Welt beschränkt sich aber auf ihre bloße Beschreibung: Nur der Verlust wird thematisiert. Es wird darauf verzichtet, ihm etwas entgegenzusetzen: Die Kunst resigniert vor der Welt.

Jeder von uns fühlt ein großes Unbehagen gegenüber dieser resignativen Haltung. Und eine Not, dem etwas entgegenzusetzen. Das wurde auf dem Forum immer wieder mit großer Vehemenz formuliert, und es gab eine erstaunliche Übereinstimmung der Teilnehmer in diese Frage. Aus den Gesprächen heraus formulieren wir folgende Position:

  • Aufgabe der Kunst ist es unserer Meinung nach, versuchsweise Standpunkte einzunehmen, die Scherben neu zu ordnen, möglicherweise sogar neue Baustoffe zu suchen und neue Zusammensetzungen auszuprobieren, um sie der Gesellschaft anzubieten.
  • Aufgabe des Künstlers ist es, aus Lust, Not und Neugierde auf eigenes Risiko voranzugehen. Das wollen wir probieren.

Markus Baumhaus, Regisseur, Frankfurt am Main / Hannover
Ralph Blase, Dramaturg, Münster
Boris Denulat, Regisseur, Mainz
Ana Kerezovic, Schauspielerin, Wien
Karla Mäder, Dramaturgin, Lübeck
Andrea Mutz, Bühnenbildnerin, Oberhausen
Harald Wolff, Regisseur, Göttingen

Teilnehmer des Internationalen Forums junger Bühnenangehöriger
Berlin, im Mai 2002


 


Kein Argument gegen aktuelle Inszenierungen kann man derzeit so oft lesen, wie das , mit dem das Forum Junger Bühnenangehöriger beim Berliner Theatertreffen sein Ungenügen an der diesjährigen Auswahl begründete.

Christopher Schmidt / SZ


Das diesjährige Theatertreffen wurde in den Feuilletons zum "Treffen der Jungen" erklärt. Die wirklich Jungen trafen sich derweil beim Internationalen Forum Junger Bühnenangehöriger.

Sie haben eine Resolution verfaßt. Die Haltung der Unterzeichner ist klar. Sie haben genug vom postmodernen Ästhetizismus auf deutschen Bühnen und wollen stattdessen ein Theater das Botschaften vermittelt. Wenn es ihnen gelingt, sich durchzusetzen, könnten die Regisseure, die beim diesjährigen Theatertreffen als "jung" und "innovativ" bejubelt wurden, schon sehr bald zum alten Eisen gehören. Zynismus und Dekonstruktion sind bei den jungen Leuten nicht mehr angesagt. Gefragt sind Bedeutung und echtes Gefühl. Man kann ihnen dabei nur viel Erfolg wünschen.

Oliver Kranz, DIE DEUTSCHE BÜHNE 7/2002


Scherbengericht
Die jungen Jungen rechnen mit den alten Jungen im Theater ab

Man stelle sich vor: Eine Jury aus griesgrämigen älteren (über dreißigjährigen), sich aber ideologisch jung fühlendenTheaterkritikern lädt - bis auf die Ausnahme einer Wunder-"Schönen Müllerin" - nicht die zehn "bemerkenswertesten", sondern die zehn griesgrämigsten, aber generationen-ideoloigisch einwandfreisten, weil zum "Lebensgefühl" der Juroren passenden Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen ein. Und deklariert dies zum "Theater der Jungen". Darin zerfällt das meiste an Mensch und Figur in Bildschirmscherben, das Ich fragmentiert, der Text perdü, das Leben eine Party, die Szene ein Video-Clip, die Gesellschaft eine Generation aus lauthalsigen Wehleidigen. Jugend ohne Plot. Als das Theatertreffen letztes Wochenende zu Ende ging, waren's die Berufsjugendlichen, Generations- und Popblockwarte der Jury, wie man hört, selbst sehr zufrieden.
Nun hatten sich wie immer auch wirkliche Junge zum Festival eingefunden: Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Dramaturgen unter dreißig. Diese trafen sich zum alljährlichen "Forum junger Bühnenangehöriger". Und ihnen ging offenbar das Scherbengetue und Weltmedienschmerzgelabere der dort gezeigten Produktionen derart auf die Nerven, daß sie jetzt, was sie noch selten taten, ein "Statement" veröffentlicht haben, in dem sie sich höflich wundern, daß in den Inszenierungen des Theatertreffens "die Welt inhaltlich/oder ästhethisch als eine fragmentarisierte und nicht mehr lebbare" gezeigt werde, daß darin "der einzelne gegenüber globalen Vorgängen, die zunehmend undurchschaubarer werden" einfach nur resigniere. Und auch: Die Kunst resigniert vor der Welt. Jeder von uns fühlt ein großes Unbehagen gegenüber dieser resignativen Haltung. Und eine Not, dem etwas entgegenzusetzen." Sie würden gerne "die Scherben neu ordnen, möglicherweise sogar neue Baustoffe suchen und neue Zusammensetzungen ausprobieren, um sie der Gesellschaft anzubieten".
Sieh da: Ins Licht treten die Veränderbaren. Die Erfreulichen. Die positiven Phantasten. Würden sie die Ranzigen und Schranzigen ablösen und wegfegen wollen, man grüßte die Erkenner, Erwecker und Beleber und wünschte von Herzen alles Gute. Und jede Menge Spaß im Kampf mit dem Jugend-Establishment.

Stadelmeier / FAZ