LADIES' NIGHT
von Stephen Sinclair und Anthony Mc Carten

Arbeitssucher-Striptease nach dem Motto
GANZ ODER GAR NICHT!
in der Textfassung von Markus Baumhaus / Mitarbeit: Romain Goerens

2002
Bühne und Kostüme: Stephan F. Rinke
Dramaturgie: Heike Kortenkamp
Wolfgang Borchert Theater Münster

 


Neo-liberale Post-Emanzipationskomödie.
Eigene Fassung für das Wolfgang Borchert Theater


Liebe Frauen,

wir besichtigen heute eine eigentümliche Spezies: Mit insgesamt 48 Prozent Bevölkerungsanteil sind Männer die womöglich größte aller schützenswerten Minderheiten. Vertrieben, verwundet und verstört im verlorenen Kampf gegen ein übermütig wie -mächtig gewordenes Geschlecht, fristen sie ein Schattendasein ihrer vormals glanzvollen Größe.


Konrad Haller, Philipp Sebastian. Foto: Sebastian

Wir treffen auf vereinzelte Restexemplare in einem der letzten ihnen verbliebenen Reservate: Dem Hinterzimmer einer Kneipe, auf dessen Borden verstaubte Pokale an die strahlenden Erfolge der frühen Vorzeit erinnern. Doch draußen sind die blühenden Landschaften des Arbeitsmarktes zu einer abgegrasten Steppe des sozialen Darwinismus verödet.


Oliver Becker. Foto: Rinke

Nicht einmal die vierte Wand der Boulevardkomödie hat den Zahn der Zeit unbeschadet überstanden.

Doch der Lebenswille dieser sympathischen Kreaturen scheint ungebrochen: Fünf Männer, weder schön noch klug, beschließen, daß wenn man schon vor der Gesellschaft die Hosen herunterlassen muß, damit auch Geld verdienen sollte - und gründen eine heldenhafte Men-Strip-Show. Konsequenz ist ihr seelischer Standortvorteil, "Ganz oder gar nicht!" ihr Motto.


Gerold Ströher. Foto: Rinke

Und weil es hier - der sozio-geschichtlich gebildete Leser wird es mit ungläubigem Staunen vernehmen - um eine klitzekleine Utopie geht, und eine solche bekanntermaßen einen Funken Realität beinhalten sollte, sind die hehren Mannen dabei leider auf die Hilfe einer Frau angewiesen.


Becker, Sebastian. Foto: Rinke

Denn Männer haben kein Problem zu haben, und das ist schon mal ihr erstes.

 



Mario Scheel, Philipp Sebastian, Konrad Haller; Gerold Ströher; Oliver Becker. Foto: Emmerich
Mario Scheel, Philipp Sebastian, Konrad Haller; Gerold Ströher; Oliver Becker. Foto: Emmerich

 


Harrys Mannen geben sich nicht die Blöße
"Ladies' Night" am Borchert-Theater

Sie haben Rettungsringe und Hühnerbrüste und mit den "Chippendales" soviel gemein wie Woody Allen mit Arnold Schwarzenegger. Dennoch: Nicht nur die Damen johlen und kreischen, wenn die ungewöhnliche Männertruppe am Ende zum "Macho Man" der Village People ihre Hosen herunterläßt. Schließlich sind ihnen die liebenswerten Looser in den letzten zwei Stunden mächtig ans Herz gewachsen. Kein Wunder. "Ladies' Night", die neue Produktion des Wolfgang-Borchert-Theaters in Münster, die am Freitag Premiere feierte, hebt sich das Beste für den Schluss auf. Wie es sich für einen guten Striptease gehört. Dass die Darsteller im Borchert-Theater aber alle Hüllen fallen lassen, ohne sich dabei eine Blöße zu geben - darin liegt die große Stärke der Regie von Markus Baumhaus, der mit Stephan Sinclairs und Anthony Mc Cartens feinhumoriger "Arbeitslosen-Komödie" die neue Theatersaison am Hafen einläutete. Heraus kam nicht nur ein kurzweiliger Boulevard-Spaß, sondern eine feinsinnige Post-Emanzipationskomödie, die dem Mann viel tiefer als bloß unter den Tanga blickt.

Dabei beginnt alles wie eine traurige Milieustudie über das Wahlkampfthema Nummer eins: Wie ein Häufchen Elend kauert Kurt vor seinem Bierhumpen und lässt eine Schlaftablette nach der anderen hineinplumpsen. Nebenan auf dem Männerklo prügeln sich seine Kumpels. Aus Frust und Langeweile. Seit sie alle ihren Job verloren haben, ist das holzvertäfelte Hinterzimmer ihrer Stammkneipe mit den angestaubten Pokalen auf dem Sims ihr Zuhause. Nichts geht mehr. Doch das soll sich bald ändern. Als nämlich Harry auf die verrückte Idee kommt, mit den kaputten Typen eine Strippergruppe zu gründen. Leichter gesagt als getan.

Die ersten zaghaften Gehversuche, die Scheu, sich vor dem anderen zu entblößen, die Scham angesichts der gestählten Bodies aus Lifestyle-Magazinen - niemals wird hier Intimität mit Fleischbeschau verwechselt. Anders als die eisheilige Tänzerin Gabriela (Anja Bilabel), die die Kerle mit militantem Drill zu nackten Tatsachen treibt, interessiert Baumhaus der Seelen-Striptease, dem sich seine Protagonisten aussetzen.

Und das gekonnt: Der verklemmte Kurt (Konrad Haller), der schwule Guido (Philipp Sebastian), der Heißsporn Harry (Oliver Becker), der sich immer noch als Vorarbeiter wähnende Gerhard (Gerold Ströhner) undi nicht zuletzt das gutmütige Riesen-baby Bert (Mario Scheel) -sie alle schöpfen ihr komisches Potential aus der aufmerksamen Beobachtung von Widersprüchen, kommen ohne derbe Scherze aus. Bis sich schließlich der Vorhang hebt...

Markus Küper / Westfälische Nachrichten

 

Anja Bilabel. Foto: Emmerich
Anja Bilabel. Foto: Emmerich

 


Ausgezogen zieht an
Riesen-Erfolg für die Männer-Striptease-Komödie "Ladies' Night" am Borchert

"Kommense rein, sehense nackisch!", locken rosafarbene Plakate vor dem Wolfgang Borchert Theater in Münster. Ausgezogen zieht an. Das Haus ist zur Premiere der Postemanzipations-Komödie "Ladies' Night" am Donnerstag ausverkauft.

Die Männer in diesem Stück von Stephen Sinclair und Anthony McCarten haben selbst nichts, und trotzdem wollen alle was von ihnen. Die Ex fordert Alimente für den Sohn, die Ehefrau den Skiurlaub, der Wirt die Zeche. Ihr Refugium ist das Hinterzimmer einer Kneipe, in dem lange Pokalreihen von vergangenen Zeiten träumen lassen (Ausstattung: Stephan F. Rinke). Geld muss her, und Energiebündel Harry weiß, wie: Striptease! Und zwar "ganz oder gar nicht" - wie soll man sonst die Frauen locken?

Das Problem: Noch nicht einmal Projektbegründer Harry (erstklassig: Oliver Becker) traut sich, das Hemd zu lupfen. Anzugträger Gerhard (Gerold Ströher) macht sich Sorgen um gewisse Ausmaße, und auch der korpulente Bert, bodenständig verkörpert von Mario R. H. Scheel, mag seinen "Berti" nicht zeigen. Kurt, süß und verlegen gespielt von Konrad Haller, will sich sowieso lieber umbringen.

Ein gemeinsames Probe-Ausziehen ist ein Fiasko. Die Körper sind untrainiert, die Unterhosen hässlich. Und die Zeit drängt. So wird das nie was! Wie auch? Die vier Ruhrpott-Machos wissen nicht einmal, was Frauen überhaupt wollen. Mann braucht Verstärkung, die sich auskennt.

Regisseur Markus Baumhaus baut langsam die Spannung auf, während er die Charaktere formt und Sympathie aufkeimen lässt. Doch dann treibt Musik von Madonna und Robbie Williams das Geschehen rasant voran, als die Retter ins Spiel eingreifen. Der schauspielambitionierte Guido (Philipp Sebastian), schwul und unverklemmt, und eine, die weiß, wo's lang geht: Gabriela, die kühle Rotlicht-Lady (Anja Bilabel als abgebrühte 23-Jährige). Sie bringen die Jungs auf Trab.

Ja, und dann tun sie es wirklich – in der mitreißenden Choreografie von Olatz Arabaolaza. Die letzte Faser fällt, das Bühnenlicht dämmert dahin. Das Publikum johlt, kreischt, pfeift, klatscht sich in Ekstase. Sie haben's geschafft. Das Schöne dabei: "Nackisch" landen sie nicht ganz unten, sondern ganz oben.

Ines Vogel / Münstersche Zeitung

 

Zurück zur Startseite