| MARLENI von Thea Dorn 2000 |
| Der Todestag der Dietrich, die geheimnisumwitterte Pariser Wohnung. Über das Balkonfenster klettert die ungebetene Leni Riefenstahl, um mit Marlene den letzten Film zu drehen: Penthesilea. Ein pralles und fiktives Divendoppel, ein Schauspielerinnen-Stück, eine Komödie am Rand des Todes. |
|
Großes Theater mit herausragenden
Darstellerinnen "Wir sind Denkmäler, die niemals geschleift werden können. Wir sind aus Stahl, wo andere Menschen zerbrechlich sind. Wir sind aus Stein, wo andere Menschen Eingeweide haben. Nichts Menschliches ist uns vertraut. Wir sind unsterblich, weil wir niemals wirklich gelebt haben", konstatiert Leni (Riefenstahl). Gemeinsam mit Marlene (Dietrich) will sie heimreiten, nach Berlin. Eher unorthodox, nämlich über den Balkon, war sie in Marlenes Zimmer in Paris eingestiegen, um sie wissen zu lassen, sie wolle mit ihr einen Film über Penthesilea drehen. Thea Dorns Stück "Marleni", ihr erstes übrigens, hält für Regisseur und Darstellerinnen eine Fülle spielerischer Elemente bereit. Es lebt aus schnellen, abrupten Stimmungsschwankungen, welche die beiden preußischen Diven vehement in Gang setzen und von deren Sog sie fortgerissen werden. Die Autorin lässt die fiktive Begegnung zwischen Leni, der "alten Nazinutte" und Marlene, der "alten Amihure", im Jahr 1992 stattfinden. Während Leni noch immer stark und erstaunlich vital wirkt, verkriecht Marlene sich im Bett, eine verlotterte, versoffene Kreatur, an der nur schwer noch etwas von der Schönheit ihrer früheren Glanzzeit zu erkennen ist. Markus Baumhaus hat "Marleni" für den Malersaal des Celler Schlosstheaters inszeniert. Das Ergebnis ist eine dichte, vielschichtig durchgestaltete Geschichte zweier Frauen-Schicksale, zweier Künstlerinnen zu Zeiten der nationalsozialistischen Jahre, das, nicht zuletzt wegen der herausragenden Leistungen von Lin Lougear und Roswitha Benda, am Schluss des Premieren-Abends mit großem Beifall bedacht wurde. Wie sehr das Publikum angesprochen war, zeigte sich in befreiendem Lachen ebenso wie in der häufig angespannten Ruhe im Raum. Stephan F. Rinke hat die ja nicht gerade üppige Ausstattungsfläche im Malersaal einfallsreich genutzt; im Mittelpunkt ein dominierendes Bett, darum herum Nutz- und Erinnerungsstücke, ein mehr oder weniger diffuses Interieur, durch die Jahre vernachlässigt. Genau die zutreffende Atmosphäre für Regisseur Markus Baumhaus, "Marleni" in Szene zu setzen schonungslos offen, hier kämpferisch, dort defensiv, aufschreiend und jämmerlich wimmernd, hart in der Bestandsaufnahme des Lebens, zaghaft im Hoffen auf eine gewonnene Freundschaft. Ohne lang ausmalende Sequenzen, aber mit präzisem Blick holt Markus Baumhaus die Seelenzustände dieser beiden, von der Zeit bestraften. Frauen hervor. Groteske oder einfach komische Momente sind da nicht ausgeschlossen. Ebenso wenig bedrängende Wahrheiten, ausgesprochen von diesen beiden, von der Welt Enttäuschten. Die Stärke des Stückes liegt nicht zuletzt in der adäquaten Besetzung. Und die lässt in der Celler Aufführung nicht einen Wunsch offen. Lin Lougear als Marlene Dietrich und Roswitha Benda als Leni Riefenstahl sind ein großartiges, ein tief beeindruckendes Duo. Jede schöpft ihre gestaltenden Möglichkeiten bis in das kleinste mimische und gestische Detail aus. Jede durchdringt den Charakter ihrer Figur. Nuanciert, exzessiv, leidenschaftlich, selbst noch in abgewandter Lethargie. Wie ein Fels stellt, sich Roswitha Bendas Leni 50 Jahre danach in Marlenes Leben. Sie ist zielstrebig, will einen Film mit Marlene verwirklichen; dafür kämpft sie mit feurigem Blick und starken Gebärden. Dass auch Leni aus Fleisch und Blut ist, macht Roswitha Benda ohne jede Verkrampfung deutlich, ohne abrupte Verwandlung, scheinbar mühelos kann sie die Widersprüchlichkeit in Lenis Naturell ausdrücken und zu einem faszinierend schillernden Porträt formen. Betroffen blicken wir auf Lin Lou- gears Marlene, ein graues Geschöpf, abgeschlafft, kaum noch lebendig. Aber ihre senile Erscheinung trügt. Zwischen Schlucken aus dem Flachmann blitzt es fast mörderisch aus ihren Augen hervor. Ihre Zunge reagiert spitz. Unvorhersehbar kommen ihre Attacken. Unkontrollierte Verrenkungen. Erschöpft sackt sie zusammen. Lin Lougear zeigt mit subtiler Genauigkeit die kaum vorstellbaren Facetten der einst gefeierten, seit langem vergessenen Schauspielerin. Gemeinsam mit Roswitha Benda verwirklicht sie einen sehr nachhaltigen Theater-Abend. Ingrid Kulenkampff / Cellesche Zeitung |