BEZAHLT WIRD NICHT!
von Dario Fo

1997
Bühne und Kostüme: Stephan F. Rinke
Dramaturgie: Barbara und Jürgen Esser
Stadttheater Gießen

 


Kleinstbürgermillieu, kurz vor Wohnungsräumung.

Frau muß sich halt selber helfen und plündert den Supermarkt. Doch wohin mit der Ware, wenn die Männer dumm, weil ehrlich sind, warum gibt es einen Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit und wozu ist der Polizist schwanger und wer - Mamma Mia! - ist die heilige Eulalia? Und Dario Fo will heute eh keiner mehr sehen.

Eine Farce für Schluß mit lustig!

 


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Schwangerschaft zum Nulltarif
Die Farce "Bezahlt wird nicht!" von Dario Fo im Theater im Löbershof

Hanebüchenes für hartgesottene! Zimperlich in Sachen Humor darf nicht sein, wer Dario Fos Farce "Bezahlt wird nicht!" im Löbershof besucht. Denn der italienische Autor mag’s derb, deftig und direkt. In den gut 20 Jahren seit seiner Uraufführung hat das Stück, das es 1980 schon einmal in der Zigarrenfabrik gab, mit seinem unbekümmerten Klamauk zwar etwas sozialromantische Patina angesetzt, aber Schwankelemente und Situationskomik – das zeigte die Premiere am Donnerstag abend – überrumpeln einen auch heute noch.

Dario Fo orientiert sich an der Tradition der Commedia dell'arte, der Witz des gelernten Kommunisten scheut weder Blasphemie noch Aufmüpfigkeit, der Klerus und staatliche Autoritäten sind beliebte Zielscheiben des Spotts. Pralle mediterrane Lebensfreude mag solch übermütiger Theaterkunst förderlich sein, in Deutschland zergrübelt man sich ja lieber den Kopf und hält es mit Lehrstücken: Was den einen Dario Fo, ist den anderen Heiner Müller.

"Bezahlt wird nicht!« beschließt eine Reihe von Frauen, denen die Lebensmittelpreise über den Kopf wachsen und die zornig einen Laden plündern. Aber wie ihren Männem, die gewerkschaftliche Bedächtigkeit und Instanzenwege schätzen, diese Nulltarifrunde aus dem Supermarkt erklären? Besser gar nicht und hübsch weiter geflunkert mit Neun-Monats-Bäuchen aus Nudelbeuteln, Oliven und Salatköpfen und so die vermeintlich werdenden Väter fröhlich um den Verstand gebracht. Was sich fortan an frivolen, makabren oder drastischen Szenen abspielt, spottet freilich jeder Beschreibung.

Regisseur Markus Baumhaus, der mit seiner Inszenierung eine Hochschularbeit abliefert – wir berichteten mehrfach – spürt mit großem Vergnügen und ebensolcher Präzision den kuriosen Verwicklungen nach, setzt das Boulevard-Schema des "Tür auf, Tür zu" augenzwinkernd um, wozu ihm Stephan F. Rinke das kunterbunte Bild einer Wohnung baute, in die er mit Säulen etwas Italien hineinzauberte und eine kitschige Statue der heiligen Eulalia schließlich besondere Bedeutung bekommen sollte.

Die beiden Frauen Antonia und Margherita mit ihren Discount-Schwangerschaften werden von Petra Soltau resolut und leidenschaftlich und von Regine Fritschi nervös und mitleidheischend geboten.

Wer Max De Nil als Giovanni sah, wußte sofort, daß dieser Fließbandarbeiter seinen Feierabend in einem Elvis-Presley-Fanclub zubringt. Mit fein dosierter Komik mimte De Nil den Begriffsstutzigen, wobei seine geschliffene Diktion der Robustheit dieser Type fast ein wenig im Weg stand. Neu im Ensemble ist Steffen Reuber, der den Spaß an der Naivität des Luigi bestens "rüberbrachte".

Und dann war da noch – oder sollte man sagen: wieder – Harald Schneider, der wie beim Moliere letzte Woche die glückliche Schlußwendung einzuleiten hatte, zuvor aber als klassenkämpferischer Wachtmeister, als luftgeschwängerter Carabiniere oder als schleimiger Bestatter so subtil und verschmitzt zur komödiantischen Sache, ging, bis seine Kollegen sich vor lauter Lachen ins hemmungslose Extemporieren retten mußten. Verziehen sei ihnen dabei der Kalauer vom Straßenverkehrsstück »Sechs Personen suchen ein Auto«; fünf Schauspieler hatten da Ihren Autor schon gefunden: Dario Fo.

Hilns-Peter Gumtz / Gießener Allgemeine 

In vorsichtig stilisiertem Naturalismus zeigt die Bühne der Gießener Aufführung (Ausstattung: Stephan Rinke) die Wohnung des in bescheidenen bis ärmlichen Verhältnissen lebenden Arbeiterpaares Antonia und Giovanni. Hier spielen sich die Ereignisse zwischen Klappbett, Küchentisch, Papstporträt, Kruzifix und überlebensgroßer Muttergottes ab. Die Frauen tragen schreiend blumige Lackmäntel und bunte Minikleider aus Kunstleder, und auch die Männer sind in ihren grellen Kunstleder-Klamotten sofort als Arbeiter mit kleinbürgerlichem Geschmack erkennbar.

Nachwuchs-Regisseur Markus Baumhaus vertraut ganz auf die Komik und die Dynamik des Stückes und läßt die Schauspieler mit komödiantischer Spielfreude an der langen Leine. Das Publikum schüttelte sich vor Lachen.

Die Stimmung im Publikum schwappt förmlich über, als Schneider als Bestatter auftritt und im nachfolgenden Gespräch mit Giovanni und Luigi (von Steifen Reuber mit Temperament und Schwung gespielt) fragt man sich ständig: Ist das jetzt improvisiert oder doch einstudiert?

Gießener Anzeiger

Das Stück lebt von der Verkettung all dieser Lügen und Ausreden und der daraus entstehenden Situationskomik und natürlich von den überzeugenden Schauspielern. In einem chaotischen Finale werden einige Lügenstücke entlarvt, aber das ist Nebensache. Denn der Zuschauer ist damit beschäftigt, sich die Lachtränen aus den Augen zu wischen.

WNZ

Unbändige Lust an der Zerstörung gesellschaftlicher Mythen und Ideale sowie die radikal durchgeführte Parodie religiöser und politischer Werte machen die Grundelemente von Dario Fos Dramaturgie aus.

Markus Baumhaus (Inszenierung) und Stephan F. Rinke (Ausstattung) betonten diese Eigenschaften in ihrer Inszenierung vor ausverkauftem Haus mit großem Erfolg. Inmitten einer von Papstbild, Kreuz und Heiliger Eulalia eingerahmten biederen Wohnung liefen alle fünf Akteure in ihren Rollen zu Hochform auf.

Oberhessische Presse