FAUST IST TOT
von Mark Ravenhill

2001
Bühne: Silvia Jacobi
Kostüme: Irina Bartels
Dramaturgie: Christiane Fenge
Schauspiel Frankfurt

 


DAS STÜCK: Alain, ein französischer Philosoph, glaubt, daß mit den Möglichkeiten der Virtualität das Ende der Geschichte erreicht ist - also Schluß mit lustig und Humanismus: "Wir müssen die Grausamkeit umarmen." - Er trifft Pete, der seinem Vater (Bill Gates) die Diskette zum Chaos geklaut hat und also auf der Flucht ist. Über's Internet lernen sie Donny kennen - der beweist sich, daß er lebt, indem er sich Schnitte zufügt.

Post-Tarantino-Theater made in Great Britain: 80 Minuten, 1x Fellatio, 1x Ficken, 1x Mord, 1x Selbstmord, diverse Chöre und dazwischen Philosophie.


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Christian Hockenbrink, Matthias Lühn


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Pirkko Cremer, Matthias Lühn, Christian Hockenbrink

Fotos: Stefan Odry


Augen per Post
"Faust ist tot" im Nachtfoyer

Alain, der französische Philosoph, der nach Amerika zog, erzählt gerne verrückte Geschichten, die er Modelle nennt. Eine geht so: Eine Frau schickt einem Mann, mit dem sie geschlafen hat, was er an ihr am anziehendsten findet, mit der Post: ihre Augen. Alain fragt spitzfindig: Wer ist der Verführer, wer wurde verführt? Pete, sein amerikanischer Freund, will etwas anderes wissen: Wie konnte sie ohne Augen den Briefkasten finden?

Was ist Realität? Das ist die Frage, die zwischen Alain und Pete steht, zwischen dem Theoretiker Faust und dem Pragmatiker Mephisto, der immer wieder versucht, Alain auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen. Aber auch Pete sieht die Welt nicht ungebrochen, er ist ein Kind der neuen Welt Amerika und der neuen Zeit der virtuellen Realität. Die Schönheit der Wüste kann er nur ertragen, wenn er sie mit seinem Camcorder aufnimmt, er braucht einen Rahmen für das Bild.

Mark Ravenhill, berühmt geworden durch das Stück Shoppen und Ficken, hat den Einakter Faust ist tot in einem Workshop zusammen mit dem Regisseur und den Darstellern entwickelt. Für die Figur des Alain stand Michel Foucault Pate. Wenn man den ziemlich kruden Text liest, macht er einen nicht an: ein wildes Durcheinander von Thesen und Theorien.

Wenn er aber so klug gekürzt wird wie am Frankfurter Schauspiel, auch in der Abfolge der Szenen zum Teil umgestellt, ist er eine tolle Spielvorlage. Sie wird von Matthias Lühn (Alain), Christian Hockenbrink (Pete) und Pirkko Cremer als Donny, einem seltsamen Wesen aus dem Chatroom, das am Ende stirbt, exzessiv genutzt. Der Kampf zwischen französischem Denker und in einer Bruchbude hausendem Amerikaner, der Bill Gates' Sohn sein könnte, wird mit bizarrem Witz und vollem Körpereinsatz ausgetragen. Der theoretische Überbau ist ebenso Spielmaterial wie die sexuelle Attraktion: Alain verführt Pete, der bis dahin von schwulem Sex nichts wissen wollte, aber nun, wie er zugibt, immerhin eine Erfahrung gemacht hat. Die Rockmusik gibt den Drive vor, sie kann auch Pathos produzieren, zu dem sich die Aufführung beim Tod von Donny bekennt. Donny ist eigentlich für einen Mann geschrieben, hier hat man die Rolle mit einer Frau besetzt, um das Stück nicht zu sehr der Schwulenszene zuzuschlagen.

Inszeniert hat das Stück Markus Baumhaus, Schüler von Hans Hollmann und Assistent am Schauspiel Frankfurt, der aber anderswo schon mehrmals Regie führte. Zusammen mit den Schauspielern ist ihm eine vitale Aufführung gelungen, die in den krassen Passagen, bei der Darstellung von Sex und Gewalt, originell verfremdende, eindrucksvoll formale Lösungen findet. Obwohl die Handlung sich zum Teil im Fernsehen oder im Internet abspielt, kommt Baumhaus ganz ohne Videoeinspielungen aus, die Schauspieler imaginieren den virtuellen Raum. Die winzige Spielfläche im Nachtfoyer hat Silvia Jacobi mit wenigen schäbigen Möbelstücken und Requisiten adäquat ausgestattet.

Wenn sich am Ende alle Beteiligten dem enthusiastischen Beifall stellen, kommen nur junge Leute auf die Bühne. Kein rückwärts blickender, sondern ein erfreulich zukunftsorientierter Abschluss der letzten Eschberg-Spielzeit.

Wilhelm Roth, Frankfurter Rundschau


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Pirkko Cremer. Foto: Odry


Eingerahmte Grausamkeiten
Markus Baumhaus inszeniert "Faust ist tot" von Mark Ravenhill im Nachtfoyer am Schauspiel Frankfurt

Ihr ganzer Körper ist mit Narben übersät, die von Verletzungen stammen, die sie sich selbst zugefügt hat. Schnittwunden bedecken Arme und Oberkörper. "Ich fühle gar nichts": Donny verstümmelt sich, weil sie keine andere Möglichkeit weiß zu spüren, daß sie lebt. Diese wulstigen roten Striemen müssen die Zuschauer ansehen, als sie ihr T-Shirt auf der Bühne auszieht. Und später müssen sie ihren unerwarteten Selbstmord ertragen, müssen erleben, wie Donny wieder zusticht, sich die Halsschlagader aufschlitzt, verblutet.

Gewalt und Schmerz dienen im Drama "Faust ist tot" als Garanten von Authentizität: Im körperlichen Schmerz manifestiere sich ein Höchstmaß an Realität, behauptet Mark Ravenhill. In seinem ersten abendfüllenden Bühnenwerk "Shoppen und Ficken", das von "Theater heute" vor drei Jahren zum besten ausländischen Stück gewählt wurde, beschäftigte sich der Londoner Autor mit dem Einhergehen von Grausamkeit und sadistischer Lust, als er beschrieb, wie die Figur Gary brutal mit einem Messer vergewaltigt wird.

Nachwuchsregisseur Markus Baumhaus, der das zweite Stück des britischen Shootingstars für das Schauspiel Frankfurt im Nachtfoyer in Szene gesetzt hat, stellt den Schmerz in grellem Licht bestürzend offen und knallhart zur Schau: Wie Alain Pete vergewaltigt, wie Gewalt sich in Leidenschaft umwandelt, aber auch, wie Donny sich das Messer in den Hals rammt – immer und immer wieder, bis das Blut ihren Körper und den Boden ringsum in dunkles Rot getaucht hat; während Alain ungerührt den Selbstmord filmt. Noch schlimmer sind aber – zwischen lautem Hardrock – die kleinen, fiesen Gesten: Alain hält den Kopf der toten Donny in der Hand und läßt sie so nicken, während er flüstert: "Alles wird gut, Donny, alles wird gut."

Trotzdem besticht die Geschichte über den französischen Philosophen Alain und Pete, den Sohn von Bill Gates, die sich auf eine Liaison miteinander einlassen, weil sie ihres früheren Lebens überdrüssig sind, und die junge Donny dazu mißbrauchen, noch mehr grenzwertige Erfahrungen zu sammeln, durch die Intensität der Beziehungen ihrer Figuren. Matthias Lühn mimt den dämonischen Alain, der den unbeschwerten Pete (Christian Hockenbrink) verführt und von sich abhängig macht .Aber die zerstörerische Verbindung der beiden stellt sich nicht einseitig dar, das ist das Überzeugende und oft auch Komische: Beide sind abwechselnd Verführer und Verführter. Donny vermag der Verlorenheit der beiden erst recht nichts entgegenzusetzen: Pirkko Cremer zeigt einen Teenager, der sich, getrieben vom dumpfen Gefühl verzweifelter Leere, blind in den Schmerz wirft.

Die Bühne paßt sich den kaputten Typen an: Silvia Jacobi hat ein ödes und irgendwie schmutzig wirkendes Zimmer eingerichtet. Auf eine Botschaft hat Mark Ravenhill auch in diesem Stück verzichtet. So vollzieht sich die Systemkritik der Figuren wenig komplex: Pete zum Beispiel kann die Wirklichkeit nur "mit einem Rahmen" er- tragen, weshalb er stets mit einer Videokamera aufnimmt, was er gerade erlebt. Alains Philosophie vom "Ende der Geschichte" läßt sich auf wenige Thesen reduzieren: "Der Mensch ist tot. Wir müssen die Grausamkeit umarmen." Da bleibt am Ende nur die banale Erkenntnis, daß es in Zukunft wohl auch nicht besser und nicht schlechter wird, als es schon immer war. Und die Frage, was mit dem Menschen passiert, der sich in der virtuellen Welt verloren hat.

Katharina Deschka / FAZ


Auf dem Weg ins Nirwana der Sinnlosigkeit
Im Nachtfoyer des Frankfurt Schauspiels hatte Mark Ravenhills "Faust ist tot" Premiere

Ein heruntergekommenes Schmuddelzimmer, alter Sessel, zerwühltes Bett, Fast-Food-Reste und Videos auf dem Boden: So sehen die maroden Unterkünfte aus, in denen der französische Philosoph Alain (Matthias Lühn) und Pete (Christian Hockenbrink) auf ihrem Trip durch Amerika Station machen.

Beide sind auf der Flucht. Alain vor dem alten Europa, in dem alles zu Ende und ausgestorben scheint: der Mensch, der Humanismus, der Fortschritt, die Geschichte. Pete, weil er die CD seines Vaters geklaut hat, auf der sich ein grandioses Chaos-Programm befindet. Zwei letzte Menschen in einem Theater-Road-Movie der Sinnlosigkeit.

Durchs Hirn Alains, des zerstörten Geistes-Gurus der virtuellen Postmoderne, flackern Bilder der Gewalt. Denn alles ist nichts, Leerlauf: Musik, Theater, Leben. Nur im Sex, im Pillenrausch, und im körperlichen Schmerz ist ein Rest von archaischer Wirklichkeit, ein existentieller Augenblick zwischen den Simulationen der Medienwelt noch zu haben. Hockenbrinks Pete ist ein hippeliges, orientierungsloses Kind dieser irrealen Welt. Ebenso wie Donny (Pirkko Cremer), denen die beiden erst im Internet und schließlich real begegnen. Cremer spielt sie als eines der zerstreuten, hysterischen, übermotorischen Kinder der Gegenwart. Am Ende kommt es zu einem bizarren Zweikampf. Pete schlitzt sich die Brust auf. Donny die Kehle: eine absolute, letale Erfahrung von Wirklichkeit. Markus Baumhaus hat Ravenhills starkes Stück, das – ganz auf der Höhe der Zeit – authentisch die Abgründe in den Seelen einer verwirten jungen Generation auslotet, eindringlich inszeniert, frisch, frech und nicht ohne makabren Witz – unterlegt mit den düsteren Sounds von Nirvana und Marilyn Manson. Entstanden ist eine bemerkenswerte Theaterarbeit mit beeindruckenden Schauspielern.

Michael Kluger, Frankfurter Neue Presse


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Hockenbrink, Lühn, Cremer. Foto: Odry


Poststruktural
Faust ist tot
von Mark Ravenhill

Die Welt, so viel ist klar, ist hoffnungslos verloren und bis an die Wurzeln schlecht. Krieg, Tod und Flugzeugabstürze rauben einem den Schlaf – das finden zumindest Alain, Pete und Donny. Gottes vergessene Kinder in Mark Ravenhills "Faust ist tot" und posaunen ihre Angst gleich am Anfang fröhlich hinaus.

Den französischen Intellektuellen Alain treibt die verzweifelte Gier nach dem wahren Leben zu einem monströsen Trip mit Pete, einem verkorksten Kind der New Economy. Keine Liebe auf den ersten Blick, doch der postmoderne Brei aus Baudrillard-Brocken und Foucault-Schnipseln, mit dem Alain um sich wirft, macht Eindruck auf seinen neuen Bekannten.

Ein Roadmovie für die Bühne nimmt seinen Lauf, in dem Ravenhill seine Szenen mit harten Brüchen und schnellen Situationswechseln hintereinander schneidet. Regisseur Markus Baumhaus nutzt diesen Impuls und schraubt die Bildfrequenz noch weiter nach oben: Kaum ist sich das Paar im Suff begegnet, flieht es schon vor den Häschern, die Petes Vater ausgesandt hat, um an eine Software zu gelangen, die sein Sohn ihm entwendet hat. Mir lässiger Schnodderigkeit hauchen Matthias Lühn und Christian Hockenbrink ihren Rollen vergnügliches Leben ein, obgleich das Geschehen immer krasser aus der Bahn gleitet. In einem Motelzimmer, wie alles auf der Bühne eine sparsame, aber treffsichere Andeutung, trifft das Duo Infernale schließlich auf Donny (Pirkko Cremer), der seiner Existenz durch Selbsrverstümmelung mehr Glanz geben will.

Theater, das sich als Theater outet und deshalb alles darf: die Schauspielerinnen suhlen sich in Sex, Suff und Tod auf der Bühne, mehr Zitat jedoch als ernst zu nehmende Geste. Was nicht bedeuten soll, dass diese Inszenierung lediglich die Oberflächen abtastet, ohne unter die Haut zu gehen. Immer wieder bleibt dem Zuschauer bei dieser ironischen Absage an das Prinzip, "das die Welt im Innersten zusammenhält", das Lachen im Halse stecken.

Jens Holst, Journal Frankfurt


Abgründige virtuelle Welten

Markus Baumhaus inszeniert Ravenhills Schocker "Faust ist tot" im Schauspiel

Vorsicht vor den virtuellen Welten. Vorsicht vor dem Cyberspace und den verschlungenen Pfaden des Internets. Sie könnten den Benutzer die Seele, ja sogar das Leben kosten. Zu dieser Erkenntnis kann kommen, wer das Stück "Faust ist tot" des jungen britischen Dramatikers Mark Ravenhill ("Shoppen und Ficken") gesehen hat. Wenn es dann der Regie noch gelingt, die sinistre Atmosphäre des Stückes adäquat zu transportieren, sind Alpdrücke beim Publikum angesagt.

Regisseur Markus Baumhaus ist dies bei der Premiere des Werkes im Nachtfoyer des Frankfurter Schauspieles beispielhaft gelungen. Seine Sichtweise des vor vier Jahren in London uraufgeführten Schauspiels bietet die in der Vorlage reichlich vorhandenen Schockeffekte niedrig dosiert über 80 Minuten Spielzeit hinweg. Drei vorzügliche Schauspieler tun ein Übriges, die Spannung bis zum letzten Satz zu steigern.

Auf der kleinen, von Silvia Jacobi mit denkbar wenigen Requisiten ausgestatteten Bühne, sieht der Betrachter ein Paar, das die Abgründe des Cyberspace im Schnelldurchlauf erlebt.

Alain (Matthias Lühn) und Pete (Christian Hockenbrink) sind auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit. Alain, der ein Buch über Philosophie veröffentlicht hat, ebenso wie Pete, der in der Computerfirma seines Vaters Software klaute. Während ihrer Fahrt entlang der US-amerikanischen Westküste steigern sich Pete und Alain in eine ausweglose Situation, immer wieder vorangetrieben von ihrem ambivalenten Verhältnis zueinander. Höhepunkt dieser Hassliebe ist eine gewaltgeprägte sexuelle Begegnung des homoerotisch veranlagten Alain und des eigentlich heterosexuellen Pete. Es sind die "echten Erfahrungen", die insbesondere Alain sucht und in virtuellen Bilderwelten sowie dem Internet zu finden glaubt.

Diese Suche führt zur realen Konfrontation mit Donny (Pirkko Crerner), den man über dessen Hornepage kennen gelernt hat. Wie Pete ist Donny von selbst zugefügten Wunden übersät. Er fasziniert den versponnenen Philoso- phen wegen seiner "archaischen Kraft". Der selbstzerstörerische Impetus Donnys gipfelt in einem Blutritual am eigenen Körper mit tödlichem Ende, das Alain aber nicht als tatsächlich geschehen erkennen will. Hockenbrink und Lühn verkörpern die zerrissenen Charaktere mit beklemmender Intensität. Auch Cremer, zwischen Fatalismus und Naivität pendelnd, agiert überzeugend. Und nach einem überraschenden Epilog ist man überwältigt von einer Inszenierung, die niemanden kalt lässt, die für Diskussionen sorgen wird.

Joachim Schreiner / Offenbach-Post


Angst vor unfassbarer Welt
Ravenhills »Faust ist tot« im Schauspiel Frankfurt

Theaterurwuchs: "Faust ist tot« von Mark Ravenhill entlädt sich explosionsartig und spuckt Wahrheiten aus, welche die "coole" Bildschirmgeneration in ihren Grundfesten erschüttern. Das wirkliche und das virtuelle Leben stehen auf dem Prüfstand. Mit Gewalt packt das Stück des Londoner Autors, das 1997 in der englischen Haupt- stadt uraufgeführt wurde und in Deutschland bisher nur in zwei Produktionen zu sehen war, Kopf und Bauch, und so, wie Markus Baumhaus es nun für das Nachtfoyer im Schauspiel Frankfurt inszeniert hat, überschüttet es das Publikum mit rauschhaften Bildern und mit Dialogen, deren dramatische Wucht sich unversehens überstülpt.

Die direkt vor den Zuschauerreihen stattfindende Imagination ist so jung und frisch, so dreist und gescheit, dass der zwischen erlebter Realität und seiner Reproduktion hin- und herjagende Text ganz von selbst Gestalt annimmt. Mit einer rationalen Untersuchung ist ihm wenig beizukommen. Will man ihn zergliedern und ihn einer ordentlichen Analyse unterziehen, verweigert er sich trotzig dem philologischen Aspekt. Lässt man sich aber auf ihn ein und akzeptiert diese unbeschnittene Wildheit, so entfacht er schiere Lust, die sich mit voller Verzweiflung hineinbohrt in das Leben aus zweiter Hand. Zu Anfang und am Ende sitzen drei verängstigte junge Menschen dicht aneinander geschmiegt auf einem engen Sofa. Sie fürchten sich vor der Welt, die sie nicht erkennen können. Der Mittelteil erzählt in Bruchstücken die Bekanntschaft oder besser Freundschaft von zwei jungen Männern, die gänzlich unterschiedlich sind: Ein flotter Typ, der unentwegt alles auf Video festhält und Pete heißt. Und ein homosexueller Intellektueller namens Alain, den Pete fälschlicherweise für einen Musikproduzenten hält und darum die Annäherungsversuche des Betrunkenen nur halbherzig ablehnt. Es kommt zu nichts, aber die zwei bleiben zusammen. Man erfährt, dass Pete der Sohn von Bill Gates ist und die Computeraufzeichnungen seines Vaters mit der Lösung der Chaostheorie zerstört hat. Er selbst ist im Besitz der einzigen Kopie und fühlt sich deswegen von seinem Alten verfolgt. Der Schwule wartet mit seltsamen Geschichten auf, in denen ein Japaner eine Holländerin, die ihm Gedichte vorträgt, ermordet, kocht und aufißt, und er berichtet von einer Frau, die dem Liebhaber nach einer gemeinsam verbrachten Nacht in einem Schuhkarton ihre Augen zustellt, weil er sie so schön fand.

Fragmentarisch tauchen diese rätselhaften Erzählungen immer wieder auf und erinnern an blutige Märchen aus Kindertagen. Mit Blut endet auch der große Mittelteil. Doch zunächst wird Pete bei einer Fahrt durch die Wüste von Alain vergewaltigt, nachdem dieser vorher bereits mächtig an ihm manipulierte, was der überraschte Pete mit Begeisterung filmte. Nur in einer solchen Fassung kann er die Wirklichkeit richtig erleben. Er sabbelt dabei und quasselt etwas von »cool« und »geil« und bekommt erst Probleme mit seinem Ego, als Alain ihm den Schmerz als letzte Gefühlsechtheit beschreibt. Wie in einer wirren Geisterbahn bringt er sich Schnitte am Körper bei, die er stolz präsentiert, während Alain nunmehr vom Chat fasziniert ist, aus dem die mit tiefen Narben übersäte Donny in das Zimmer zu den beiden kommt, Blut aus einer Dose trinkt, es sich über den Köper schüttet und sich als finales Erlebnis die Kehle durchschneidet. Auch Alain stirbt, Pete erschießt ihn, weil er Papas CD nicht herausgeben will. Pete selbst aber hat sich mit diesem ausgesöhnt und einen Vorstandsposten in dessen globalem Imperium übernommen.

Und dann sitzen die drei wieder eng zusammen und wissen in einer Zeit, in der die Gegenwart nicht mehr ist und die angebrochene Zukunft unklar, nicht wohin. Wie nun aber Pirkko Cremer als Donny und Matthias Lühn als Alain und Christian Hockenbrink als Pete mit diesem wilden Text, in dem Gewalt die fragile menschliche Situation beschreibt, umgehen, ist sensationell. Sie haben jede Menge Spaß bei den blitzartig hereinbrechenden Situationen, in die sie immer wieder mit zündender Emphase hineinspringen. Jedes Wort, das sie sprechen, ist wahr und dabei unterschwellig vom Unwirklichen imaginiert. Weit stoßen sie die Tore auf zu den Zweifeln am wirklichen Leben und zu der Möglichkeit der völligen Reproduktion. in der die menschliche Hülle nur in immer weiteren Spiegelungen zu sich selber findet. Und ob sie sich dabei jemals erreicht, verliert sich im Dunkel: »Faust ist tot« - zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag?

Anneliese Euler / Main-Echo

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