Augen per Post
"Faust ist tot" im Nachtfoyer
Alain, der französische Philosoph, der nach Amerika zog, erzählt
gerne verrückte Geschichten, die er Modelle nennt. Eine geht so: Eine Frau schickt einem
Mann, mit dem sie geschlafen hat, was er an ihr am anziehendsten findet, mit der Post:
ihre Augen. Alain fragt spitzfindig: Wer ist der Verführer, wer wurde verführt? Pete,
sein amerikanischer Freund, will etwas anderes wissen: Wie konnte sie ohne Augen den
Briefkasten finden?
Was ist Realität? Das ist die Frage, die zwischen Alain und Pete
steht, zwischen dem Theoretiker Faust und dem Pragmatiker Mephisto, der immer wieder
versucht, Alain auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen. Aber auch Pete sieht die
Welt nicht ungebrochen, er ist ein Kind der neuen Welt Amerika und der neuen Zeit der
virtuellen Realität. Die Schönheit der Wüste kann er nur ertragen, wenn er sie mit
seinem Camcorder aufnimmt, er braucht einen Rahmen für das Bild.
Mark
Ravenhill, berühmt geworden durch das Stück Shoppen und
Ficken, hat den Einakter Faust ist tot in einem Workshop zusammen mit dem
Regisseur und den Darstellern entwickelt. Für die Figur des Alain stand Michel Foucault
Pate. Wenn man den ziemlich kruden Text liest, macht er einen nicht an: ein wildes
Durcheinander von Thesen und Theorien.
Wenn er aber so klug gekürzt wird wie am Frankfurter Schauspiel,
auch in der Abfolge der Szenen zum Teil umgestellt, ist er eine tolle Spielvorlage. Sie
wird von Matthias Lühn (Alain), Christian Hockenbrink (Pete) und Pirkko Cremer als Donny,
einem seltsamen Wesen aus dem Chatroom, das am Ende stirbt, exzessiv genutzt. Der Kampf
zwischen französischem Denker und in einer Bruchbude hausendem Amerikaner, der
Bill Gates' Sohn sein könnte, wird mit bizarrem Witz und vollem Körpereinsatz
ausgetragen. Der theoretische Überbau ist ebenso Spielmaterial wie die sexuelle
Attraktion: Alain verführt Pete, der bis dahin von schwulem Sex nichts wissen wollte,
aber nun, wie er zugibt, immerhin eine Erfahrung gemacht hat. Die Rockmusik gibt den Drive
vor, sie kann auch Pathos produzieren, zu dem sich die Aufführung beim Tod von Donny
bekennt. Donny ist eigentlich für einen Mann geschrieben, hier hat man die Rolle mit
einer Frau besetzt, um das Stück nicht zu sehr der Schwulenszene zuzuschlagen.
Inszeniert hat das Stück Markus Baumhaus, Schüler von Hans
Hollmann und Assistent am Schauspiel Frankfurt, der aber anderswo schon mehrmals Regie
führte. Zusammen mit den Schauspielern ist ihm eine vitale Aufführung gelungen, die in
den krassen Passagen, bei der Darstellung von Sex und Gewalt, originell verfremdende,
eindrucksvoll formale Lösungen findet. Obwohl die Handlung sich zum Teil im Fernsehen
oder im Internet abspielt, kommt Baumhaus ganz ohne Videoeinspielungen aus, die
Schauspieler imaginieren den virtuellen Raum. Die winzige Spielfläche im Nachtfoyer hat
Silvia Jacobi mit wenigen schäbigen Möbelstücken und Requisiten adäquat ausgestattet.
Wenn sich am Ende alle Beteiligten dem enthusiastischen Beifall
stellen, kommen nur junge Leute auf die Bühne. Kein rückwärts blickender, sondern ein
erfreulich zukunftsorientierter Abschluss der letzten Eschberg-Spielzeit.
Wilhelm Roth, Frankfurter
Rundschau
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Pirkko Cremer. Foto: Odry
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Eingerahmte Grausamkeiten
Markus Baumhaus inszeniert "Faust ist tot" von Mark Ravenhill im
Nachtfoyer am Schauspiel Frankfurt
Ihr ganzer Körper ist mit Narben übersät, die von Verletzungen
stammen, die sie sich selbst zugefügt hat. Schnittwunden bedecken Arme und Oberkörper.
"Ich fühle gar nichts": Donny verstümmelt sich, weil sie keine andere
Möglichkeit weiß zu spüren, daß sie lebt. Diese wulstigen roten Striemen müssen die
Zuschauer ansehen, als sie ihr T-Shirt auf der Bühne auszieht. Und später müssen sie
ihren unerwarteten Selbstmord ertragen, müssen erleben, wie Donny wieder zusticht, sich
die Halsschlagader aufschlitzt, verblutet.
Gewalt und Schmerz dienen im Drama "Faust ist tot" als
Garanten von Authentizität: Im körperlichen Schmerz manifestiere sich ein Höchstmaß an
Realität, behauptet Mark Ravenhill. In seinem ersten abendfüllenden Bühnenwerk
"Shoppen und Ficken", das von "Theater heute" vor drei Jahren zum
besten ausländischen Stück gewählt wurde, beschäftigte sich der Londoner Autor mit dem
Einhergehen von Grausamkeit und sadistischer Lust, als er beschrieb, wie die Figur Gary
brutal mit einem Messer vergewaltigt wird.
Nachwuchsregisseur Markus Baumhaus, der das zweite Stück des
britischen Shootingstars für das Schauspiel Frankfurt im Nachtfoyer in Szene gesetzt hat,
stellt den Schmerz in grellem Licht bestürzend offen und knallhart zur Schau: Wie Alain
Pete vergewaltigt, wie Gewalt sich in Leidenschaft umwandelt, aber auch, wie Donny sich
das Messer in den Hals rammt immer und immer wieder, bis das Blut ihren Körper und
den Boden ringsum in dunkles Rot getaucht hat; während Alain ungerührt den Selbstmord
filmt. Noch schlimmer sind aber zwischen lautem Hardrock die kleinen, fiesen
Gesten: Alain hält den Kopf der toten Donny in der Hand und läßt sie so nicken,
während er flüstert: "Alles wird gut, Donny, alles wird gut."
Trotzdem besticht die Geschichte über den französischen
Philosophen Alain und Pete, den Sohn von Bill Gates, die sich auf eine Liaison miteinander
einlassen, weil sie ihres früheren Lebens überdrüssig sind, und die junge Donny dazu
mißbrauchen, noch mehr grenzwertige Erfahrungen zu sammeln, durch die Intensität der
Beziehungen ihrer Figuren. Matthias Lühn mimt den dämonischen Alain, der den
unbeschwerten Pete (Christian Hockenbrink) verführt und von sich abhängig macht .Aber
die zerstörerische Verbindung der beiden stellt sich nicht einseitig dar, das ist das
Überzeugende und oft auch Komische: Beide sind abwechselnd Verführer und Verführter.
Donny vermag der Verlorenheit der beiden erst recht nichts entgegenzusetzen: Pirkko Cremer
zeigt einen Teenager, der sich, getrieben vom dumpfen Gefühl verzweifelter Leere, blind
in den Schmerz wirft.
Die Bühne paßt sich den kaputten Typen an: Silvia Jacobi hat ein
ödes und irgendwie schmutzig wirkendes Zimmer eingerichtet. Auf eine Botschaft hat Mark
Ravenhill auch in diesem Stück verzichtet. So vollzieht sich die Systemkritik der Figuren
wenig komplex: Pete zum Beispiel kann die Wirklichkeit nur "mit einem Rahmen"
er- tragen, weshalb er stets mit einer Videokamera aufnimmt, was er gerade erlebt. Alains
Philosophie vom "Ende der Geschichte" läßt sich auf wenige Thesen reduzieren:
"Der Mensch ist tot. Wir müssen die Grausamkeit umarmen." Da bleibt am Ende nur
die banale Erkenntnis, daß es in Zukunft wohl auch nicht besser und nicht schlechter
wird, als es schon immer war. Und die Frage, was mit dem Menschen passiert, der sich in
der virtuellen Welt verloren hat.
Katharina Deschka / FAZ
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Auf dem Weg ins Nirwana der Sinnlosigkeit
Im Nachtfoyer des Frankfurt Schauspiels hatte Mark Ravenhills
"Faust ist tot" Premiere
Ein heruntergekommenes Schmuddelzimmer, alter Sessel, zerwühltes
Bett, Fast-Food-Reste und Videos auf dem Boden: So sehen die maroden Unterkünfte aus, in
denen der französische Philosoph Alain (Matthias Lühn) und Pete (Christian Hockenbrink)
auf ihrem Trip durch Amerika Station machen.
Beide sind auf der Flucht. Alain vor dem alten Europa, in dem alles
zu Ende und ausgestorben scheint: der Mensch, der Humanismus, der Fortschritt, die
Geschichte. Pete, weil er die CD seines Vaters geklaut hat, auf der sich ein grandioses
Chaos-Programm befindet. Zwei letzte Menschen in einem Theater-Road-Movie der
Sinnlosigkeit.
Durchs Hirn Alains, des zerstörten Geistes-Gurus der virtuellen
Postmoderne, flackern Bilder der Gewalt. Denn alles ist nichts, Leerlauf: Musik, Theater,
Leben. Nur im Sex, im Pillenrausch, und im körperlichen Schmerz ist ein Rest von
archaischer Wirklichkeit, ein existentieller Augenblick zwischen den Simulationen der
Medienwelt noch zu haben. Hockenbrinks Pete ist ein hippeliges, orientierungsloses Kind
dieser irrealen Welt. Ebenso wie Donny (Pirkko Cremer), denen die beiden erst im Internet
und schließlich real begegnen. Cremer spielt sie als eines der zerstreuten, hysterischen,
übermotorischen Kinder der Gegenwart. Am Ende kommt es zu einem bizarren Zweikampf. Pete
schlitzt sich die Brust auf. Donny die Kehle: eine absolute, letale Erfahrung von
Wirklichkeit. Markus Baumhaus hat Ravenhills starkes Stück, das ganz auf der Höhe
der Zeit authentisch die Abgründe in den Seelen einer verwirten jungen Generation
auslotet, eindringlich inszeniert, frisch, frech und nicht ohne makabren Witz
unterlegt mit den düsteren Sounds von Nirvana und Marilyn Manson. Entstanden ist eine
bemerkenswerte Theaterarbeit mit beeindruckenden Schauspielern.
Michael Kluger, Frankfurter
Neue Presse
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Hockenbrink, Lühn, Cremer. Foto: Odry
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Poststruktural
Faust ist tot
von Mark Ravenhill
Die Welt, so viel ist klar, ist hoffnungslos verloren und bis an
die Wurzeln schlecht. Krieg, Tod und Flugzeugabstürze rauben einem den Schlaf das
finden zumindest Alain, Pete und Donny. Gottes vergessene Kinder in Mark Ravenhills
"Faust ist tot" und posaunen ihre Angst gleich am Anfang fröhlich hinaus.
Den französischen Intellektuellen Alain treibt die verzweifelte
Gier nach dem wahren Leben zu einem monströsen Trip mit Pete, einem verkorksten Kind der
New Economy. Keine Liebe auf den ersten Blick, doch der postmoderne Brei aus
Baudrillard-Brocken und Foucault-Schnipseln, mit dem Alain um sich wirft, macht Eindruck
auf seinen neuen Bekannten.
Ein Roadmovie für die Bühne nimmt seinen Lauf, in dem Ravenhill
seine Szenen mit harten Brüchen und schnellen Situationswechseln hintereinander
schneidet. Regisseur Markus Baumhaus nutzt diesen Impuls und schraubt die Bildfrequenz
noch weiter nach oben: Kaum ist sich das Paar im Suff begegnet, flieht es schon vor den
Häschern, die Petes Vater ausgesandt hat, um an eine Software zu gelangen, die sein Sohn
ihm entwendet hat. Mir lässiger Schnodderigkeit hauchen Matthias Lühn und Christian
Hockenbrink ihren Rollen vergnügliches Leben ein, obgleich das Geschehen immer krasser
aus der Bahn gleitet. In einem Motelzimmer, wie alles auf der Bühne eine sparsame, aber
treffsichere Andeutung, trifft das Duo Infernale schließlich auf Donny (Pirkko Cremer),
der seiner Existenz durch Selbsrverstümmelung mehr Glanz geben will.
Theater, das sich als Theater outet und deshalb alles darf: die
Schauspielerinnen suhlen sich in Sex, Suff und Tod auf der Bühne, mehr Zitat jedoch als
ernst zu nehmende Geste. Was nicht bedeuten soll, dass diese Inszenierung lediglich die
Oberflächen abtastet, ohne unter die Haut zu gehen. Immer wieder bleibt dem Zuschauer bei
dieser ironischen Absage an das Prinzip, "das die Welt im Innersten
zusammenhält", das Lachen im Halse stecken.
Jens Holst, Journal
Frankfurt
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Abgründige virtuelle Welten
Markus Baumhaus inszeniert Ravenhills Schocker "Faust ist tot" im
Schauspiel
Vorsicht vor den virtuellen Welten. Vorsicht vor dem Cyberspace und
den verschlungenen Pfaden des Internets. Sie könnten den Benutzer die Seele, ja sogar das
Leben kosten. Zu dieser Erkenntnis kann kommen, wer das Stück "Faust ist tot"
des jungen britischen Dramatikers Mark Ravenhill ("Shoppen und Ficken") gesehen
hat. Wenn es dann der Regie noch gelingt, die sinistre Atmosphäre des Stückes adäquat
zu transportieren, sind Alpdrücke beim Publikum angesagt.
Regisseur Markus Baumhaus ist dies bei der Premiere des Werkes im
Nachtfoyer des Frankfurter Schauspieles beispielhaft gelungen. Seine Sichtweise des vor
vier Jahren in London uraufgeführten Schauspiels bietet die in der Vorlage reichlich
vorhandenen Schockeffekte niedrig dosiert über 80 Minuten Spielzeit hinweg. Drei
vorzügliche Schauspieler tun ein Übriges, die Spannung bis zum letzten Satz zu steigern.
Auf der kleinen, von Silvia Jacobi mit denkbar wenigen Requisiten
ausgestatteten Bühne, sieht der Betrachter ein Paar, das die Abgründe des Cyberspace im
Schnelldurchlauf erlebt.
Alain (Matthias Lühn) und Pete (Christian Hockenbrink) sind auf
der Flucht vor ihrer Vergangenheit. Alain, der ein Buch über Philosophie veröffentlicht
hat, ebenso wie Pete, der in der Computerfirma seines Vaters Software klaute. Während
ihrer Fahrt entlang der US-amerikanischen Westküste steigern sich Pete und Alain in eine
ausweglose Situation, immer wieder vorangetrieben von ihrem ambivalenten Verhältnis
zueinander. Höhepunkt dieser Hassliebe ist eine gewaltgeprägte sexuelle Begegnung des
homoerotisch veranlagten Alain und des eigentlich heterosexuellen Pete. Es sind die
"echten Erfahrungen", die insbesondere Alain sucht und in virtuellen
Bilderwelten sowie dem Internet zu finden glaubt.
Diese Suche führt zur realen Konfrontation mit Donny (Pirkko
Crerner), den man über dessen Hornepage kennen gelernt hat. Wie Pete ist Donny von selbst
zugefügten Wunden übersät. Er fasziniert den versponnenen Philoso- phen wegen seiner
"archaischen Kraft". Der selbstzerstörerische Impetus Donnys gipfelt in einem
Blutritual am eigenen Körper mit tödlichem Ende, das Alain aber nicht als tatsächlich
geschehen erkennen will. Hockenbrink und Lühn verkörpern die zerrissenen Charaktere mit
beklemmender Intensität. Auch Cremer, zwischen Fatalismus und Naivität pendelnd, agiert
überzeugend. Und nach einem überraschenden Epilog ist man überwältigt von einer
Inszenierung, die niemanden kalt lässt, die für Diskussionen sorgen wird.
Joachim Schreiner /
Offenbach-Post
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Angst vor unfassbarer Welt
Ravenhills »Faust ist tot« im Schauspiel Frankfurt
Theaterurwuchs:
"Faust ist tot« von Mark Ravenhill entlädt sich explosionsartig und spuckt
Wahrheiten aus, welche die "coole" Bildschirmgeneration in ihren Grundfesten
erschüttern. Das wirkliche und das virtuelle Leben stehen auf dem Prüfstand. Mit Gewalt
packt das Stück des Londoner Autors, das 1997 in der englischen Haupt- stadt
uraufgeführt wurde und in Deutschland bisher nur in zwei Produktionen zu sehen war, Kopf
und Bauch, und so, wie Markus Baumhaus es nun für das Nachtfoyer im Schauspiel Frankfurt
inszeniert hat, überschüttet es das Publikum mit rauschhaften Bildern und mit Dialogen,
deren dramatische Wucht sich unversehens überstülpt.
Die
direkt vor den Zuschauerreihen stattfindende Imagination ist so jung und frisch, so dreist
und gescheit, dass der zwischen erlebter Realität und seiner Reproduktion hin- und
herjagende Text ganz von selbst Gestalt annimmt. Mit einer rationalen Untersuchung ist ihm
wenig beizukommen. Will man ihn zergliedern und ihn einer ordentlichen Analyse
unterziehen, verweigert er sich trotzig dem philologischen Aspekt. Lässt man sich aber
auf ihn ein und akzeptiert diese unbeschnittene Wildheit, so entfacht er schiere Lust, die
sich mit voller Verzweiflung hineinbohrt in das Leben aus zweiter Hand. Zu Anfang und am
Ende sitzen drei verängstigte junge Menschen dicht aneinander geschmiegt auf einem engen
Sofa. Sie fürchten sich vor der Welt, die sie nicht erkennen können. Der Mittelteil
erzählt in Bruchstücken die Bekanntschaft oder besser Freundschaft von zwei jungen
Männern, die gänzlich unterschiedlich sind: Ein flotter Typ, der unentwegt alles auf
Video festhält und Pete heißt. Und ein homosexueller Intellektueller namens Alain, den
Pete fälschlicherweise für einen Musikproduzenten hält und darum die
Annäherungsversuche des Betrunkenen nur halbherzig ablehnt. Es kommt zu nichts, aber die
zwei bleiben zusammen. Man erfährt, dass Pete der Sohn von Bill Gates ist und die
Computeraufzeichnungen seines Vaters mit der Lösung der Chaostheorie zerstört hat. Er
selbst ist im Besitz der einzigen Kopie und fühlt sich deswegen von seinem Alten
verfolgt. Der Schwule wartet mit seltsamen Geschichten auf, in denen ein Japaner eine
Holländerin, die ihm Gedichte vorträgt, ermordet, kocht und aufißt, und er berichtet
von einer Frau, die dem Liebhaber nach einer gemeinsam verbrachten Nacht in einem
Schuhkarton ihre Augen zustellt, weil er sie so schön fand.
Fragmentarisch
tauchen diese rätselhaften Erzählungen immer wieder auf und erinnern an blutige Märchen
aus Kindertagen. Mit Blut endet auch der große Mittelteil. Doch zunächst wird Pete bei
einer Fahrt durch die Wüste von Alain vergewaltigt, nachdem dieser vorher bereits
mächtig an ihm manipulierte, was der überraschte Pete mit Begeisterung filmte. Nur in
einer solchen Fassung kann er die Wirklichkeit richtig erleben. Er sabbelt dabei und
quasselt etwas von »cool« und »geil« und bekommt erst Probleme mit seinem Ego, als
Alain ihm den Schmerz als letzte Gefühlsechtheit beschreibt. Wie in einer wirren
Geisterbahn bringt er sich Schnitte am Körper bei, die er stolz präsentiert, während
Alain nunmehr vom Chat fasziniert ist, aus dem die mit tiefen Narben übersäte Donny in
das Zimmer zu den beiden kommt, Blut aus einer Dose trinkt, es sich über den Köper
schüttet und sich als finales Erlebnis die Kehle durchschneidet. Auch Alain stirbt, Pete
erschießt ihn, weil er Papas CD nicht herausgeben will. Pete selbst aber hat sich mit
diesem ausgesöhnt und einen Vorstandsposten in dessen globalem Imperium übernommen.
Und
dann sitzen die drei wieder eng zusammen und wissen in einer Zeit, in der die Gegenwart
nicht mehr ist und die angebrochene Zukunft unklar, nicht wohin. Wie nun aber Pirkko
Cremer als Donny und Matthias Lühn als Alain und Christian Hockenbrink als Pete mit
diesem wilden Text, in dem Gewalt die fragile menschliche Situation beschreibt, umgehen,
ist sensationell. Sie haben jede Menge Spaß bei den blitzartig hereinbrechenden
Situationen, in die sie immer wieder mit zündender Emphase hineinspringen. Jedes Wort,
das sie sprechen, ist wahr und dabei unterschwellig vom Unwirklichen imaginiert. Weit
stoßen sie die Tore auf zu den Zweifeln am wirklichen Leben und zu der Möglichkeit der
völligen Reproduktion. in der die menschliche Hülle nur in immer weiteren Spiegelungen
zu sich selber findet. Und ob sie sich dabei jemals erreicht, verliert sich im Dunkel:
»Faust ist tot« - zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag?
Anneliese Euler / Main-Echo
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