DIE PHYSIKER
von Friedrich Dürrenmatt

2001
Bühne und Kostüme: Stephan F. Rinke
Dramaturgie: Lothar Schwindt
Schloßtheater Celle

 


DAS STÜCK: 

Möbius, dem Urvater aller Nerds, wird's mal wieder klar: Alles denkbare wird einmal gedacht. Und was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.

Und man kommt um die Platitüde nicht drum herum: Ist im Grundgedankengang leider noch aktueller als bei der UA.

Und ästhetisch was für Freunde der Patina.

Nur Mathildchen sieht frischer aus, denn je. Liegt's an der Gentechnik?

Intellektuellen-Edgar-Wallace-Theater.

 

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Lin Lougear

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Klaus Knuth, Helmut Thiele, Jan Bodinus

Fotos: Stefan Odry

 

 

Da bleibt das Lachen im Halse stecken
Premiere am Schloßtheater: "Die Physiker"

Leicht gemacht haben es sich weder die Zuschauer, noch die Schauspieler zum Auftakt der Spielzeit am Schloßtheater Celle. Über "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt, eigentlich eine Komödie, mochte kaum ein Besucher herzhaft lachen – zu sehr schwebten die Terroranschläge auf New York und das Wort "Krieg" durch die Hinterköpfe der Anwesenden.

So bat auch die Intendantin Karin H. Veit auf Applaus am Ende des Stücks zu verzichten – mit einer bedrückenden Schweigeminute beendeten Publikum und Schauspieler den Abend.

Dürrenmatts Kernaussage, von Jan Bodinus in der Rolle des Möbius gut herausgearbeitet, treffen ins Schwarze. Mit leichter Hysterie in der Stimme läßt der Protagonist keinen Zweifel daran, daß die Flucht der Wissenschaftler in den Irrsinn die einzig kleine Chance für die Welt ist, davon zu kommen.

Dies könnte Bodinus auch todernst sagen – vielleicht wären dann die Sätze noch schneidender. Doch er entschließt sich, den Wahnsinn in der Stimme mitschwingen zu lassen. Vielleicht, weil die Brisanz der Botschaft anders nicht zu ertragen ist.

Trotz der Schwere, die über der Aufführung lastete, gibt es viele Momente der Komik in der Inszenierung. Gerade im ersten Akt hätte es Anlaß zum Lachen gegeben. So beispielsweise als Möbius‘ Exfrau, brilliant gespielt von Anne Kathrin Schmitt, der Anstaltsleiterin Mathilde von Zahnd (überzeugend dargestellt von Lin Lougear) mit sich überschlagender Stimme erklärt, warum sie ihr "Johann Wilhelmlein" nun nicht länger finanziell unterstützen könne. Rasant und sehr präzise wechselt Schmitt zwischen den Gefühlslagen.

Auch das Minenspiel von Klaus Knuth als Newton ist herrlich komisch: als Newton den Kommissar (Christian Mey) gesteht, daß er in Wahrheit Einstein ist, die aber aus Rücksicht auf den Patienten Ernesti, der sich für Einstein hält, nicht offenlegt.

Helmut Thiele als Einstein überzeugte wie Klaus Knuth während des gesamten Auftritts durch souveränes Spiel.

Regisseur Markus Baumhaus bleibt Dürrenmatt fast bei jedem Wort treu. Er legt großen Wert auf winzige Gesten, kleine Gags am Rande. So zeigt sich das etwa beim Auftritt der drei Pfleger (Ronald Schober, Christian Melchert und Uwe Hinz), die strikt im Marschschritt, mit fast zur Karrikatur überzeichneten Gebärden, ihre Muskeln spielen lassen.

Die Regie hat die Verkehrung der Umstände am Anfang des zweiten Aktes hervorragend herausgearbeitet. Fräulein von Zahnd ist plötzlich die Verwirrte, die ihre Patienten Mörder (statt Täter) nennt, der Kommissar nun der Souveräne, der die Doktorin genüßlich korrigiert.

Allein die Anfangsszene überzeugt in der Inszenierung nicht: Oberschwester Marta (Roswitha Benda) steht fünf Minuten mit trotzig gespreizten Beinen und verschränkten Armen auf einem Fleck. Das Bild ist gar zu statisch – und damit künstlich. Da hat es Christian Mey als Kommissar schwer, authentisch zu wirken.

Um so glanzvoller, wenn auch gruselig, ist der Schluß in Szene gesetzt: Möbius, in surreales Licht gehüllt, vor dem blutroten Vorhang, verkündet: Ich bin Salomo, ich bin der arme König Salomo" – Gänsehaut.

Susanne Jensen / Cellesche Zeitung


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