SHAKESPEARES SÄMTLICHE WERKE - LEICHT GEKÜRZT
von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield

2000
Bühne und Kostüme: Stephan F. Rinke
Dramaturgie: Volker Bracher
Schloßtheater Celle

 


Drei Schauspieler von fragwürdiger Begabung und unbestrittener Emphase wagen sich an das gewaltigste theatrale Unterfangen der Menschheitsgeschichte: Die Aufführung sämtlicher Werke von William Shakespeare an nur einem Abend. Leichte Kürzungen, Improvisationen und Unstimmigkeiten nicht ausgeschlossen...

Comedy.


Zur Startseite

shakes1.jpg (39985 bytes)
Christian Melchert, Mathias Schlung

shakes2.jpg (54317 bytes)
Mathias Schlung, Helmut Thiele, Christian Melchert

Fotos: Stefan Odry



Respektlos aber vor allem komödiantisch
"Shakespeares Sämtliche Werke – leicht gekürzt" im Schloßtheater

CELLE. Respektlos schief hängt das Shakespeare-Bild am Bühnenvorhang. Damit nicht genug, rutscht es, musika1isch unterstützt, auch noch aus seinem Rahmen – hängt nun gewissermaßen am seidenen Faden. Stattdessen blicken wir in das Gesicht mit den großen, fragenden, abgrundtief und zugleich listig lockenden Augen einer zeitlosen Strichfigur. Auch als der Vorhang sich zum Spiel von "Shakespeares Sämtlichen Werken – leicht gekürzt" öffnet, bleibt dieser laszive Blick allgegenwärtig – an Requisiten, auf den T-Shirts der Akteure.

Der Premieren-Abend im Celler Schlosstheater hat wohl alle möglichen Erwartungen der Besucher über den Haufen geworfen – er war ganz anders, als man es sich hätte vorstellen können, er überflügelte spielend kühnste Phantasien, er zeigte ein Meisterwerk der Bühnenkunst. Das Publikum, das, zunächst irritiert, zum Mitmachen aufgefordert wurde, bekam nicht nur daran Gefallen; es dankte am Schluss allen an der Produktion Beteiligten mit vehementem Beifall.

Schon die um Ernsthaftigkeit bemühte Einführung zu Shakespeare geriet derart aus der Norm, dass für den weiteren Verlauf des Abends alles (Un-)Erdenkliche möglich schien. Und daran wurde wahrlich nicht gegeizt. Mit seiner Ausstattung – nicht unähnlich einer Rumpelkammer von Fragmenten aus Shakespeares Theaterwelt – hat Stephan F. Rinke den richtigen Nährboden geschaffen für eine mutig-ausgelassene, geistvolle, spielfreudige Inszenierung von Markus Baumhaus.

Die Probenarbeit muss nicht nur sehr anstrengend, sondern auch, und nicht minder; eine ständig sprudelnde Quelle von Einfällen gewesen sein. Ein beispielhaftes Gemeinschaftswerk des Regisseurs und seines Schauspieler-Trios Helmut Thiele, Christian Melchert, Mathias Schlung. Versteht sich, dass sie alle ihren Shakespeare lieben, den großen Dramatiker des Abendlandes, und ihm deshalb mit dieser Aufführung auf besondere Art huldigen können –erfrischend respektlos. Sie tun eigentlich nichts anderes, als zu zeigen, dass es nichts Menschliches gibt, das es bei Shakespeare nicht auch gibt –im Guten wie im Bösen.

Ist schon allein das eine mehr als umfassende Aufgabe – realisiert nach der Shakespeare-Collage aus dessen 37 Werken von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield -, so erreicht die bis in Details unglaublich einfallsreiche Inszenierung von Markus Baumhaus in ihrer Realisation durch drei vortrefl1iche Komödianten den Höhepunkt eines Theater-Ereignisses. Alles ist zum Greifen nah: Shakespeare so lebendig, als lägen nicht Jahrhunderte zwischen ihm und uns. Sein Denken und Handeln – keine Verständigungsprobleme. Seine Stichworte für die Bühne – äußerst ergiebig, für Theaterleute, denen Humor in den Knochen steckt. Die Shakespeare-Collage reift zu einer kräftig schillernden Theater-Collage – aus frechen, seIbstironischen, witzigen, belehrend-hingeworfenen und nicht unbedingt demutsvoll aufgenommenen, immer aber lustvollen Elementen.

Gewandt in der schnellen Verwandlung. verändern sich Sprachduktus, gestische Akzente sowie die reichen Möglichkeiten mimischen Ausdrucks im Sekunden-Rhythmus. Dabei behält das Spiel in jeder Nuance zwischen licht und Schatten die Oberhand. Ob Helmut Thieles bis in den Wahnsinn hinein sich verlierende Blicke, ob Christian Melcherts burleskes Erscheinen, ob Mathias Schlungs groteskkomische Attitüden – in solchen Momenten und den vielen weiteren lassen die Drei keinen Zweifel an ihren unverwüstlichen Fähigkeiten, mit unbändiger Freude zu spielen, was die Bühne hergibt – egal ob vorwärts oder rückwärts.

Regisseur Baumhaus hat diese Situation bis in jede scheinbare Kleinigkeit genutzt, den Schauspielern die Bühne gewissermaßen zu Füßen gelegt. Und sie? Von der Narrenfreiheit des Komödianten fortgetragen, lassen sie nichts aus, was zum Wohlbefinden auf den Brettern beiträgt. Das wiederkehrende schnoddrige Mundwerk, dann und wann eine abfällige Bewegung, vielleicht auch eine Stichelei hinein ins Publikum, sicher das neckende Miteinander und das erregte Gegeneinander. Die Grenzen verschwimmen zwischen Probe und Premiere, zwischen Shakespeare und dem Theater. Es ist ein Spiel.

Ingrid Kulenkampff / Cellesche Zeitung