TREPPAUF TREPPAB
von Alan Ayckbourn

1998
Bühne und Kostüme: Stephan F. Rinke
Stadttheater Bremerhaven

 


DAS STÜCK: Menschlich gescheiterte Middle-Class-Existenzen, eingepfercht in ein altenglisches Herrenhaus, zuerst kurz vor dem drohenden Gewitter und dann im kalten Licht am Morgen danach. Drei Stockwerke, vom Autor konstruiert für eine Spielebene mit flachen Treppen, imaginären Türen und Parallelhandlungen. Eine Farce: Tür auf Tür zu, TREPPAUF – TREPPAB. Und kein Happy End.

 



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Lebenslügen eimerweise
"Treppauf – Treppab" in Bremerhaven ist Unterhaltung vom Feinsten 

Bremerhaven. Was ist das? Es ist quietschgelb, hat eine längliche Form, eignet sich gut für den Urlaub. Richtig: eine Luftmatratze. Aber warum hat diese hier – neben ihren beiden Schwestern – die Schwerkraft überwunden und hängt wie ein Sonnensegel an der Decke? 100 Punkte, lieber Theaterfreund, wir befinden uns nicht im wirklichen Leben, sondern mitten in der Komödie "Treppauf – Treppab" von Alan Ayckbourn im Großen Haus des Stadttheaters. Was die Zuschauer sonst nur vom Zelten kennen, hat sich, abrakadabra, durch die Magie des Bühnen- bildners Stephan F. Rinke in strahlenden Sonnenschein verwandelt.

Ein sonnig-kindliches Gemüt hat dieser Bilder-Zauberer. Er läßt uns keinen Augenblick vergessen, daß Wir im Theater sind. Wenn es ein bißchen regnen soll, schwebt eine Gießkanne vom Theaterhimmel herunter, wenn es laut Bühnenanweisung draußen so richtig schüttet, bilden die Kannen eine Dreier-Formation.

Drinnen gibt es keine, viktorianische Villa, keine separaten Zimmer für das Ehepaar und seine Besucher. Roland und Elizabeth sind umgezogen. Statt eines dreistöckigen Teppenhauses hat Rinke ihnen einen Raum zur ebener Erde entworfen, vollgestellt mit dem Mobiliar aus Dachkammer, Flur, Schlaf- und Wohnzimmer. Mit ein paar Requisiten wird der Treppenaufgang markiert, manche Tür bleibt unsichtbar.

Das Ensemble vergißt keinen Augenblick die imaginären Grenzen, keiner stößt sich den Kopf an einem der luftigen Pfosten. In ständig wechselnden Positionen steigen Isabella Wolf (Elizabeth), Michael Quinten Stobbe (Mark), Stephan Clemens (Tristram), Kay Krause (Roland), Guido Fuchs (Leslie) und Ingrid Müller- Farny (Kitty) treppauf und treppab, mit all dem Repertoire von sechs (oder besser gesagt fünfeinhalb) bestens aufgelegten Schauspielern.

Die Tücke des Objekts

Dabei verliert Regisseur Markus Baumhaus nie die Gleichzeitigkeit der Ereignisse aus den Augen. Während sich das eine Paar etwa in der Dachkammer streitet, kämpft der im Salon zurückgelassene Guido Fuchs mit der Tücke des Objekts. Slapstick vom Allerfeinsten gibt es nicht nur an dieser Stelle.

Die Akteure können sich an keiner Stelle ausruhen. Oder wie sagt es Elizabeth im Stück so schön: "Es ist Knochenarbeit, tagtägliche Plackerei. Zum Theater gehört Schweiß." Doch die Zuschauer lassen sich blenden von der Leichtigkeit des Scheins, denn der Deodorant läßt die Spieler selbst bei den wahnwitzigsten Stunts nicht in Stich. Dabei wirkt die Inszenierung nie atemlos, geht ihr bis zum Schluß nicht in die Puste aus. Perfektes Timing eben.

Ein Wellmade-Play, ein gut gebautes Stück, sehr britisch. Ehe sich der Vorhang hebt, spielt schon der gepflegte Kricket-Platz auf der Vorderbühne auf Großbritannien an. Da muß gar nicht noch eine Spieluhr "Gott schütze die Königin" dudeln oder Kay Krause beim Gähnen die Kirchturmschläge Big Bens imitieren. Solche Gags gibt es eimerweise, da freut sich der Eimerfabrikant, und wird selbst der Maulwurf unter der Erde neugierig. Doch Scherz beiseite, Ernst auf den Tisch.

Autor Alan Ayckbourn greift noch einmal den Urtyp des britischen Gesellschaftsdramas auf, das seit langem aus dem Salon ausgezogen ist. Seine Farce ist eine Liebesgeschichte im ausklingenden 20. Jahrhundert. So kaputt wie die Bruchbude, die Roland unbedingt kaufen will, so brüchig sind auch die Beziehungen der Figuren zueinander.

Ayckbourns Kunst besteht darin, die alte Geschichte von der Suche nach dem Sinn des Lebens überhaupt nicht moralinsauer zu erzählen. Vor den Frösten der Freiheit hat sich die Mehrzahl der Figuren in ihren mehr oder weniger komfortabel eingerichteten Gefängnissen zurückgezogen. So geht das, im Leben wie im Theater. Da ist zunächst einmal Elizabeth, die sich nach der Hochzeit nicht damit abfinden kann, daß ihre Karriere als Tänzerin vorbei ist. Isabella Wolf macht das Fordernde dieser Figur deutlich. Roland, der Eimerfabrikant, wollte eine Frau zum Vorzeigen. Doch bei aller Männlichkeit lauert in Kay Krauses Kraftkerl der Gefühlsmensch, der Tränen vergießt, weil seine Frau ihn verlassen hat.

Traum vom eigenen Geschäft

Mark sucht sein Lebensglück in einem Angelgeschäft, nur ist ihm die Gefährtin gerade weggelaufen. Michael Quinten Stobbe ist Überzeugend als Beobachter des Gefühls-Chaos' von anderen Leuten, nur als ihn das Herzeleid selbst erwischt, bleibt er zu blaß. Bauunternehmer Leslie will nur seine Villa-kracht-bald-ein loswerden, Guido Fuchs gibt dem Verkäufer im Motorradkluft eine nervige Note.

Diesen Egoisten hat Ayckbourn zwei positive Figuren gegenübergestellt. Tristam (die Entdeckung des Abends: Stephan Clemens) ist die Unschuld selbst. Als Anwalt ist er ein Trottel, doch bleibt er sich selbst in den aberwitzigsten Situationen treu. Auch Kitty, Marks Ex-Verlobte, bricht aus der für sie vorgesehenen Rolle aus. Doch Ingrid Müller-Farny ist mehr Heulboje als ein Mädchen zwischen Anpassung und Aufbegehren. So verliert die anrührende Szene zwischen Tristam und Kitty viel von ihrer Wirkung. Schade.

Doch der raffiniert doppelbödige Text ist nicht totzukriegen. "Treppauf -Treppab" ist eine sonderbare Verbindung aus Boulevardkomödie und ernstem Drama. Im Stil Lichtjahre entfernt von der üblichen Unterhaltungsseligkeit.

Nicht nur die quietschgelbe Sonne bescheint die Komödianten, sie können sich auch im Beifall sonnen. Der Theaterhimmel hängt voller Geigen. Und die preisen das gute Zusammenspiel von Text, Regie und Bühnenbild. Die letzte Zeile des Lobgesangs fordert alle auf, sich selbst ein Bild davon zu machen, wie das Theater die Gesetze der Schwerkraft überwindet.

Anne Stürzer / Nordeezeitung