WEISMANN UND ROTGESICHT - EIN JÜDISCHER WESTERN
von George Tabori

2002
Bühne und Kostüme:  Dorothee Silbermann
Dramaturgie: Marie M. Schäffer
Mainfrankentheater Würzburg


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Simone Ascher, Nils Liebscher; Max de Nil
Foto: Petra Winkelhardt
  


DAS STÜCK: Der Jude Weismann, seines Zeichens das Opfer schlechthin und der freundlichste Mensch von die ganze schlechte Welt nebbich, fährt durch die Wüste. Mit dabei seine mehrfach behinderte Tochter Ruth und die Urne mit der Asche seiner Frau - der er versprochen hatte, ihre Reste in einem Park auszustreuen, wo sie ein paar mal glücklich war, nicht unbedingt mit ihm.

Er verfährt sich, sie landen mitten in der Wüste auf einem ziemlich windigen Hochplatteau und treffen die fleischgewordene Identitätskrise am Rande des Nervenzusammenbruchs: Rotgesicht, der nur eines weiß: Schuld sind immer die anderen.

Und weil's ein jüdischer Western ist, gibt's auch das passende Duell: Ein Schlagabtausch mit Worten statt Colts um die moralische Totschlag-Frage: WEM GEHT'S SCHLECHTER!?! Einer stirbt, der Sieger gewinnt den Krüppel. Masel Tov.

-- Tja, keine Chance, Leute: Tabori ist echt der coolste Looser von uns allen.

 


Markus Baumhaus
im Gespräch
mit Marie M. Schäffer


Das Interview zur Inszenierung




 


Rothaut auf Selbsterfahrung
Ein jüdischer Western von George Tabori im Mainfrankentheater
von Joachim Fildhaut

In einer gottverlassenen Gegend der Rocky Mountains führt der Zufall drei Menschen zusammen: den Halbindianer Rotgesicht, den Juden Weismann und dessen Tochter Ruth. Drei Verirrte, die nichts Besseres zu tun haben, als sich anzufeinden. Auch ihr Versuch, sich anzunähern, findet in Form eines Kampfes statt. In dem Duell, das die beiden Männer sich liefern, führen sie Worte als Waffen. Sieger ist, wer den andern überzeugen kann, daß er am schlechtesten dran ist. Weismann wird dieses Duell nicht überleben. Seine Tochter bricht auf in den neuen Tag. Zusammen mit Rotgesicht.

Tabori provoziert zum Lachen über Dinge, über die man nicht lachen darf. Durch die Abgründe der menschlichen Seele und der grausamen Wirklichkeit führt er sein Publikum in eine andere, heitere Sphäre. Eine milde Menschenfreundlichkeit und Lebensfreude durchstrahlen noch seine krudesten Stücke.

"Weißer Mann redet zuviel", sagt Rotgesicht zu Weisman. Später: "Wenn man lange genug an einem Weißen kratzt, kommt immer ein Faschist zum Vorschein." Es kratzt aber auch die absurde Situation in der Wildwest-Wüste, in der sich ein Jude und ein zweifelhafter Indianer begegnen, so lange an Rotgesicht, dass der schließlich sein Halbjudentum bekennt. Da ist der jüdische Unterwäschehändler schon tot: In einem grotesken Wortgefecht hat Rotgesicht bewiesen, dass es ihm schlechter geht als dem Weißen. Der Verlierer ist der Sieger und heiratet über dem Leichnam die mongoloide Tochter Ruth Weisman.

Tabori jongliert schneidend originell mit Klischees. Unter Markus Baumhaus` Regie sammelt sich die sogenannte typisch jüdische Geistesbeweglichkeit in der kolossalen Fulminanz des Erzspielers Max de Nil. Sein Widerpart startet sehr - "Lang ist der Weg nach Santa Fe" - langsam, echt indianisch. Um dann eine Metamorphose nach der andern durchzugestalten: Der Durchbruch des Nils Liebscher! Bisher war dieser schöne junge Mann von Stück zu Stück gewissermaßen unauffällig wandlungsfähig, konnte sich dabei als Spielerpersönlichkeit aber nie recht profilieren. Jetzt zeigt Liebscher das große Talent, das sich zuletzt in "Ich, Feuerbach" schon kräftig andeutete.

Die sonst so poetische Simone Ascher muss diesmal in einer eher groben Maske als Behinderte arbeiten. Sie erscheint zunächst ziemlich eindimensional, doch erspielt ihrer Figur dann viele recht gewitzte Facetten. Für die Premiere am 26. Januar rauschte lang anhaltender Beifall.

www.wuewowas.de der internet city-guide


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Max de Nil, Simone Ascher
Foto: Petra Winkelhardt


Es ist ein langer Weg nach Santa Fé
Taboris Groteske "Weismann und Rotgesicht" in den Kammerspielen

WÜRZBURG Autopanne, Pinkelpause. Rundum nur die Ödnis der Rocky Mountains und keine Möglichkeit des Fortkommens, weil zu allem Unglück auch noch ein Jäger (Stefan Kleinert) den blauen Granada gestohlen hat. Weisman, der Jude (Max de Nil), der die Asche seiner toten Frau Bella in einer knittrigen Papiertüte mit sich herumträgt um sie, ihrem letzten Willen gemäß, im Park von New York zu zerstreuen, hat gelernt, an Wunder zu glauben, sonst wäre er nie ins Herrenunterwäschegeschäft eingestiegen.

"Und vergiss nicht", versucht er Ruth, seine behinderte Tochter (Simone Ascher), zu trösten, "wir, die Weismans, laufen seit 5000 Jahren oder so zur Höchstform auf, wenn wir an die Wand oder sogar in die Wand gedrückt werden, und das könnte jetzt der Fall sein." Recht hat er, der weiße Mann. Denn Rotgesicht (Nils Liebscher) naht, sein Gegenspieler, mit dem er sich bis aufs Blut (verbal) duellieren wird.

Autor George Tabori meinte zwar einmal, dass man einen Western nie parodieren sollte. In "Weisman und Rotgesicht" tut er's dennoch. Im Duell des "jüdischen Westerns" werden keine hehren Ideale verteidigt, man streitet darum, wer der Schlechtere ist, das härtere Schicksal hat und am Schluss Ruth erhält. Der Sieger macht sich dann mit ihr bei Sonnenaufgang auf den "langen Weg nach Santa Fé".

Taboris "Weisman und Rotgesicht", das in den Kammerspielen des Würzburger Mainfranken Theaters Premiere hatte, handelt von Minderheiten der Gesellschaft, den Opfern schlechthin. Doch anders als in der Brechtschen Dramaturgie sind der Jude, die Rothaut, die Behinderte nicht typisiert. Bei Tabori sind es Menschen aus Fleisch und Blut, die mit Lebenslügen, ihren Klischeevorstellungen, Schwächen und Vorurteilen zwischenmenschliche Konflikte erst heraufbeschwören.

Selbstverständlich besitzt "Weisman und Rotgesicht", von Markus Baumhaus erstmals für Würzburg inszeniert, Aktualität. Aber Baumhaus hat auch sichtlich Spaß an der Groteske mit ihren Brechungen. Das Weißwaschungs-Ritual von Rotgesicht mit allen Scheuermitteln, die Amerika zu bieten hat, ist köstlich aufbereitet. Dass Ruth je nach Bedarf Mond oder Sonne per herunterhängendem Lichtschalter anknipst, gibt der kargen Szenerie (Ausstattung: Dorothee Silbermann) noch kargere Züge.

Vor allem weiß der Regisseur sein Team zu führen, auch, wenn es beklemmend wird. Max de Nil spielt glaubhaft und mit kraftvoller Bühnenpräsenz die vielschichtige Gestalt des Juden Weisman, der alles gibt, um seine Lebenslügen aufrecht erhalten zu können. Auch bei Nils Liebscher akzeptiert man den modernen Indianer mit Identitätskrisen, nur manchmal übertreibt er die harte Männlichkeit. Nicht minder schwierig dürfte die Rolle der behinderten Ruth für Simone Ascher sein. Die Schauspielerin bleibt bewundernswert konsequent in Mimik und Gestik.

Das Publikum in dem mit vielen eingefleischten Theaterfans voll besetzten Raum nahm die Aufführung amüsiert und begeistert an.

Angelika Summa / Main-Post, Volksblatt, Schweinfurter Tagblatt


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Simone Ascher, Nils Liebscher; Max de Nil
Foto: Petra Winkelhardt

Jeder ist Opfer und Täter zugleich

In seinem Stück "Weisman und Rotgesicht", das er selber einen Jüdischen Western nennt, ist George Taboris letzte Konsequenz: "Jeder ist Täter und Opfer zugleich". Die Zuschauer in den Kammerspielen des Mainfranken Theaters Würzburg verfolgten Taboris Argumentation genau so aufmerksam wie sie seinen Witz, seine Kalauer aufnahmen, seine poetischen Perlen, hineingestreut in die nüchterne, an Selbsteinsichten reiche und keineswegs bequeme Geschichte.

Wie im richtigen Western geht es um Leben und Tod, doch hier steht nicht der Böse gegen den Guten: Es sind zwei Außenseiter , der Jude aus New York und der Indianer, auf dem Weg nach Santa Fe. Weisman fühlt sich gefestigt in seiner Identität, nach der Rotgesicht verzweifelt sucht. Er will eigentlich um keinen Preis ein Indianer sein. Beide kämpfen nicht mit Waffen sondern mit Worten, zählen ihre Leiden gegeneinander auf. Sie liefern sich Runden, gehen abwechselnd zu Boden, die behinderte Tochter Weismans zählt die Runden aus wie beim Boxkampf. Behindert sind sie alle drei. Weisman erkennt seine Unzulänglichkeit, entblößt sich von allem, stirbt und wird im Tode vereint mit seiner verstorbenen Frau Bella, deren Asche er in den Rocky Mountains verstreuen sollte. Auf recht makabre Weise.

Markus Baumhaus hat eine bemerkenswerte, dichte Inszenierung geschaffen und großartige Typen herausgearbeitet. Er folgt Taboris Vorlage Wort für Wort, setzt Akzente; auch die Stille ist vielsagend. Da ist die behinderte Tochter (Sirnone Ascher), ein debiles Mädchen, das nur bis zehn zählen kann, aber Ruth weiß, was sie will. Sie stößt unartikulierte Schreie aus, reagiert unkontrolliert, ist anschmiegsam und im nächsten Augenblick voll wilder Energie. Rotgesicht (Nils Liebscher) wechselt zwischen indianischem Gedankengut und nüchternem Realismus. Er versucht verzweifelt, sich die rote Farbe abzuwaschen, beharrt auf seiner Gleichwertigkeit.

"Hier ist ein schöner Ort zum Sterben", stellt der Indianer in ihm fest, der gellende Schreie ausstößt und in einen urtümlichen, stampfenden Tanz gerät. Max De Nil als Weisman ist ein ausgesprochener Stadtmensch, verloren in der Wildnis der Rocky Mountains, in der er sich verirrt hat. Daheim Wäschefabrikant, legt er die Maßstäbe von Manhattan auch bei Rotgesicht an, den er interessiert beobachtet, wie ein exotisches Wesen. Schließlich erkennt er, dass er selber gut und böse zugleich ist, Schlimmes erdulden musste und selber schlimm ist.

De Nils vollzieht diese Wandlung im Zeitlupentempo und lässt so den Vorgang, sichtbar werden. Die vierte Person ist der Jäger (Stefan Kleinert), der mit seiner Büchse auf jeden und alles zu zielen scheint. Er ist nur notwendig, um das Fehlen von Weismans Auto und damit seiner Fluchtmöglichkeiten zu erklären. Bühnenbild (der Blick von dem Hochplateau auf die Gebirgslandschaft) und Kostüme schuf Dorothee Silbermann: Besonders treffend gelungen der Aufzug Ruths! Es gab außerordentlich lang anhaltenden Applaus der Premierenbesucher.

Hiltrud Leingang / Fränkische Nachrichten


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Simone Ascher, Nils Liebscher; Max de Nil
Foto: Petra Winkelhardt

Kampf um den letzten Platz
Mainfranken Theater Würzburg zeigt George Taboris »Weisman und Rotgesicht«

Nicht: Wer ist der Stärkste, sondern wer ist der am meisten Benachteiligte? Einen solchen Wettbewerb mit verdrehten Vorzeichen tragen ein Jude samt behinderter Tochter und ein Indianer gegeneinander aus in »Weisman und Rotgesicht« von George Tabori. Auf der etwas beengten Bühne der Kammerspiele des Mainfranken Theaters Würzburg fand eine insgesamt witzige Inszenierung statt. Zum Lachen war manches, obwohl hier einige Tabus aufgegriffen und vom Autor kräftig demontiert werden, etwa das vom edlen Wilden oder vom guten Juden. Nur Ruth bleibt von solchen »Scherzen« weitgehend ausgenommen; sie ist in ihrer Beziehung zur Welt ohnedies grotesk genug.

Dass das Ganze ein Spiel mit dem Spiel ist, zeigt Regisseur Markus Baumhaus an kleinen Äußerlichkeiten, etwa wenn Mond bzw. Sonne mit einem Schnur-Zug angeknipst werden. Auch dass der Jäger beim Schießen eine blutige Hand bekommt, gehört in die Reihe der seltsamsten Zufälle und Situationen, mit denen das Stück nicht geizt. Da strandet der Jude Weisman, in der Hand eine Papiertüte mit einer Urne mit der Asche seiner Frau, in Begleitung seiner Tochter Ruth, einem liebenswert zurückgebliebenen, triebhaft-naiven Wesen, auf der Fahrt nach New York ausgerechnet in der Prarie; er hat sich in ihrer goldenen Weite hoffnungslos verirrt - diese wird durch eine deutlich gemalte Hintergrundkulisse und einen dürren Baum samt Truthahn-Geier deutlich als Spielort markiert (Ausstattung: Dorothee Silbermann).

Fantastische Fassade

Ein Jäger nimmt ihm sein Auto ab, ein Indianer kommt auf dem Fahrrad und versucht, mit einer ganzen Palette von Putzmitteln seine rote Körperfarbe - die man nicht sieht! - abzuwaschen. Alle diese unwahrscheinlichen, grotesken Zufalle weisen darauf hin, dass das äußerliche Geschehen reine Fiktion, nur Bild ist. Ausgetragen wird ein geistiger Wettkampf um den letzten Platz, um die meisten Defekte. Dabei geht der Jude Weisman zu Grunde. Dennoch hat dieses Ende, ohne Kleider, ohne Tochter, mit Asche bestreut, wenig Bedrückendes. Hinter der fantastischen Fassade verbergen sich allgemeine Wahrheiten wie »Unter der Haut sind alle Menschen gleich«; man spielt nur Rollen, ist auf der Suche nach sich selbst: »Ich bin nicht, was ich bin.«

Am Schluss packt der Indianer Ruth, die vom Vater mit Sonnenbrille und Zigarette »dekoriert« worden war, in seine Decke, nimmt sie mit sich; sie scheint glücklich. Tabori fragt bei seinem Stück hintersinnig, was eine solche Opfer-Haltung des lustvollen Sich-Herabsetzens denn mit sich bringt. Die Zuschauer in den Kammerspielen waren zuerst von den Geschehnissen etwas verwirrt, bei der allzu langen Wasch-Zeremonie etwas gelangweilt, beim Runden-Kampf um die schlimmste Benachteiligung aber wurde es spannend und dicht.

Die Aufführung lebte vor allem von den Darstellern: Stefan Kleinert wechselte als Jäger schnell über die Bühne, Max de Nil war ein humorvoller, sanguinischer, glaubhaft differenzierter Weisman, Simone Ascher bewegte als Ruth in ihrer schutzbedürftigen Behinderung, Gutgläubigkeit und Freundlichkeit mit verschobenem Gesicht, undeutlicher Aussprache und verdrehten Bewegungen. Nils Liebscher markierte als Rotgesicht Stolz, Männlichkeit und auch starre Zielsetzung mit ungerührter Miene. Der Gutmütige unterliegt hier - innerlich aber hat er gesiegt. Viel Beifall.

Renate Freyeisen / Main-Echo

 

 

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