Rothaut auf Selbsterfahrung
Ein jüdischer Western von George Tabori im
Mainfrankentheater
von Joachim Fildhaut
In
einer gottverlassenen Gegend der Rocky Mountains führt der Zufall drei Menschen zusammen:
den Halbindianer Rotgesicht, den Juden Weismann und dessen Tochter Ruth. Drei Verirrte,
die nichts Besseres zu tun haben, als sich anzufeinden. Auch ihr Versuch, sich
anzunähern, findet in Form eines Kampfes statt. In dem Duell, das die beiden Männer sich
liefern, führen sie Worte als Waffen. Sieger ist, wer den andern überzeugen kann, daß
er am schlechtesten dran ist. Weismann wird dieses Duell nicht überleben. Seine Tochter
bricht auf in den neuen Tag. Zusammen mit Rotgesicht.
Tabori provoziert zum Lachen über Dinge, über die man nicht lachen darf. Durch die
Abgründe der menschlichen Seele und der grausamen Wirklichkeit führt er sein Publikum in
eine andere, heitere Sphäre. Eine milde Menschenfreundlichkeit und Lebensfreude
durchstrahlen noch seine krudesten Stücke.
"Weißer Mann redet
zuviel", sagt Rotgesicht zu Weisman. Später: "Wenn man lange genug an einem
Weißen kratzt, kommt immer ein Faschist zum Vorschein." Es kratzt aber auch die
absurde Situation in der Wildwest-Wüste, in der sich ein Jude und ein zweifelhafter
Indianer begegnen, so lange an Rotgesicht, dass der schließlich sein Halbjudentum
bekennt. Da ist der jüdische Unterwäschehändler schon tot: In einem grotesken
Wortgefecht hat Rotgesicht bewiesen, dass es ihm schlechter geht als dem Weißen. Der
Verlierer ist der Sieger und heiratet über dem Leichnam die mongoloide Tochter Ruth
Weisman.
Tabori jongliert
schneidend originell mit Klischees. Unter Markus Baumhaus` Regie sammelt sich die
sogenannte typisch jüdische Geistesbeweglichkeit in der kolossalen Fulminanz des
Erzspielers Max de Nil. Sein Widerpart startet sehr - "Lang ist der Weg nach Santa
Fe" - langsam, echt indianisch. Um dann eine Metamorphose nach der andern
durchzugestalten: Der Durchbruch des Nils Liebscher! Bisher war dieser schöne junge Mann
von Stück zu Stück gewissermaßen unauffällig wandlungsfähig, konnte sich dabei als
Spielerpersönlichkeit aber nie recht profilieren. Jetzt zeigt Liebscher das große
Talent, das sich zuletzt in "Ich, Feuerbach" schon kräftig andeutete.
Die sonst so poetische
Simone Ascher muss diesmal in einer eher groben Maske als Behinderte arbeiten. Sie
erscheint zunächst ziemlich eindimensional, doch erspielt ihrer Figur dann viele recht
gewitzte Facetten. Für die Premiere am 26. Januar rauschte lang anhaltender
Beifall.
www.wuewowas.de der internet city-guide
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Max de Nil, Simone Ascher
Foto: Petra Winkelhardt
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Es ist ein langer Weg nach Santa Fé
Taboris Groteske "Weismann und Rotgesicht" in den Kammerspielen
WÜRZBURG Autopanne,
Pinkelpause. Rundum nur die Ödnis der Rocky Mountains und keine Möglichkeit des
Fortkommens, weil zu allem Unglück auch noch ein Jäger (Stefan Kleinert) den blauen
Granada gestohlen hat. Weisman, der Jude (Max de Nil), der die Asche seiner toten Frau
Bella in einer knittrigen Papiertüte mit sich herumträgt um sie, ihrem letzten Willen
gemäß, im Park von New York zu zerstreuen, hat gelernt, an Wunder zu glauben, sonst
wäre er nie ins Herrenunterwäschegeschäft eingestiegen.
"Und vergiss nicht",
versucht er Ruth, seine behinderte Tochter (Simone Ascher), zu trösten, "wir, die
Weismans, laufen seit 5000 Jahren oder so zur Höchstform auf, wenn wir an die Wand oder
sogar in die Wand gedrückt werden, und das könnte jetzt der Fall sein." Recht hat
er, der weiße Mann. Denn Rotgesicht (Nils Liebscher) naht, sein Gegenspieler, mit dem er
sich bis aufs Blut (verbal) duellieren wird.
Autor George Tabori meinte zwar
einmal, dass man einen Western nie parodieren sollte. In "Weisman und
Rotgesicht" tut er's dennoch. Im Duell des "jüdischen Westerns" werden
keine hehren Ideale verteidigt, man streitet darum, wer der Schlechtere ist, das härtere
Schicksal hat und am Schluss Ruth erhält. Der Sieger macht sich dann mit ihr bei
Sonnenaufgang auf den "langen Weg nach Santa Fé".
Taboris "Weisman und
Rotgesicht", das in den Kammerspielen des Würzburger Mainfranken Theaters Premiere
hatte, handelt von Minderheiten der Gesellschaft, den Opfern schlechthin. Doch anders als
in der Brechtschen Dramaturgie sind der Jude, die Rothaut, die Behinderte nicht typisiert.
Bei Tabori sind es Menschen aus Fleisch und Blut, die mit Lebenslügen, ihren
Klischeevorstellungen, Schwächen und Vorurteilen zwischenmenschliche Konflikte erst
heraufbeschwören.
Selbstverständlich
besitzt "Weisman und Rotgesicht", von Markus Baumhaus erstmals für Würzburg
inszeniert, Aktualität. Aber Baumhaus hat auch sichtlich Spaß an der Groteske mit ihren
Brechungen. Das Weißwaschungs-Ritual von Rotgesicht mit allen Scheuermitteln, die Amerika
zu bieten hat, ist köstlich aufbereitet. Dass Ruth je nach Bedarf Mond oder Sonne per
herunterhängendem Lichtschalter anknipst, gibt der kargen Szenerie (Ausstattung: Dorothee
Silbermann) noch kargere Züge.
Vor allem weiß der
Regisseur sein Team zu führen, auch, wenn es beklemmend wird. Max de Nil spielt
glaubhaft und mit kraftvoller Bühnenpräsenz die vielschichtige Gestalt des Juden
Weisman, der alles gibt, um seine Lebenslügen aufrecht erhalten zu können. Auch bei Nils
Liebscher akzeptiert man den modernen Indianer mit Identitätskrisen, nur manchmal
übertreibt er die harte Männlichkeit. Nicht minder schwierig dürfte die Rolle der
behinderten Ruth für Simone Ascher sein. Die Schauspielerin bleibt bewundernswert
konsequent in Mimik und Gestik.
Das Publikum in dem mit vielen
eingefleischten Theaterfans voll besetzten Raum nahm die Aufführung amüsiert und
begeistert an.
Angelika Summa / Main-Post,
Volksblatt, Schweinfurter Tagblatt
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Simone Ascher, Nils Liebscher; Max de Nil
Foto: Petra Winkelhardt
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Jeder ist Opfer und Täter
zugleich
In seinem Stück "Weisman
und Rotgesicht", das er selber einen Jüdischen Western nennt, ist George Taboris
letzte Konsequenz: "Jeder ist Täter und Opfer zugleich". Die Zuschauer in den
Kammerspielen des Mainfranken Theaters Würzburg verfolgten Taboris Argumentation genau so
aufmerksam wie sie seinen Witz, seine Kalauer aufnahmen, seine poetischen Perlen,
hineingestreut in die nüchterne, an Selbsteinsichten reiche und keineswegs bequeme
Geschichte.
Wie im richtigen Western geht
es um Leben und Tod, doch hier steht nicht der Böse gegen den Guten: Es sind zwei
Außenseiter , der Jude aus New York und der Indianer, auf dem Weg nach Santa Fe. Weisman
fühlt sich gefestigt in seiner Identität, nach der Rotgesicht verzweifelt sucht. Er will
eigentlich um keinen Preis ein Indianer sein. Beide kämpfen nicht mit Waffen sondern mit
Worten, zählen ihre Leiden gegeneinander auf. Sie liefern sich Runden, gehen abwechselnd
zu Boden, die behinderte Tochter Weismans zählt die Runden aus wie beim Boxkampf.
Behindert sind sie alle drei. Weisman erkennt seine Unzulänglichkeit, entblößt sich von
allem, stirbt und wird im Tode vereint mit seiner verstorbenen Frau Bella, deren Asche er
in den Rocky Mountains verstreuen sollte. Auf recht makabre Weise.
Markus Baumhaus hat
eine bemerkenswerte, dichte Inszenierung geschaffen und großartige Typen
herausgearbeitet. Er folgt Taboris Vorlage Wort für Wort, setzt Akzente; auch die Stille
ist vielsagend. Da ist die behinderte Tochter (Sirnone Ascher), ein debiles
Mädchen, das nur bis zehn zählen kann, aber Ruth weiß, was sie will. Sie stößt
unartikulierte Schreie aus, reagiert unkontrolliert, ist anschmiegsam und im nächsten
Augenblick voll wilder Energie. Rotgesicht (Nils Liebscher) wechselt zwischen indianischem
Gedankengut und nüchternem Realismus. Er versucht verzweifelt, sich die rote Farbe
abzuwaschen, beharrt auf seiner Gleichwertigkeit.
"Hier ist ein schöner Ort
zum Sterben", stellt der Indianer in ihm fest, der gellende Schreie ausstößt und in
einen urtümlichen, stampfenden Tanz gerät. Max De Nil als Weisman ist ein
ausgesprochener Stadtmensch, verloren in der Wildnis der Rocky Mountains, in der er sich
verirrt hat. Daheim Wäschefabrikant, legt er die Maßstäbe von Manhattan auch bei
Rotgesicht an, den er interessiert beobachtet, wie ein exotisches Wesen. Schließlich
erkennt er, dass er selber gut und böse zugleich ist, Schlimmes erdulden musste und
selber schlimm ist.
De Nils
vollzieht diese Wandlung im Zeitlupentempo und lässt so den Vorgang, sichtbar werden. Die
vierte Person ist der Jäger (Stefan Kleinert), der mit seiner Büchse auf jeden und alles
zu zielen scheint. Er ist nur notwendig, um das Fehlen von Weismans Auto und damit seiner
Fluchtmöglichkeiten zu erklären. Bühnenbild (der Blick von dem Hochplateau auf die
Gebirgslandschaft) und Kostüme schuf Dorothee Silbermann: Besonders treffend gelungen der
Aufzug Ruths! Es gab außerordentlich lang anhaltenden Applaus der
Premierenbesucher.
Hiltrud Leingang / Fränkische
Nachrichten
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Simone Ascher, Nils Liebscher; Max de Nil
Foto: Petra Winkelhardt
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Kampf um den letzten Platz
Mainfranken Theater Würzburg zeigt George Taboris »Weisman und
Rotgesicht«
Nicht: Wer ist der Stärkste, sondern wer ist der am meisten
Benachteiligte? Einen solchen Wettbewerb mit verdrehten Vorzeichen tragen ein Jude samt
behinderter Tochter und ein Indianer gegeneinander aus in »Weisman und Rotgesicht« von
George Tabori. Auf der etwas beengten Bühne der Kammerspiele des Mainfranken Theaters
Würzburg fand eine insgesamt witzige Inszenierung statt. Zum Lachen war manches, obwohl
hier einige Tabus aufgegriffen und vom Autor kräftig demontiert werden, etwa das vom
edlen Wilden oder vom guten Juden. Nur Ruth bleibt von solchen »Scherzen« weitgehend
ausgenommen; sie ist in ihrer Beziehung zur Welt ohnedies grotesk genug.
Dass das Ganze ein Spiel mit dem Spiel ist, zeigt
Regisseur Markus Baumhaus an kleinen Äußerlichkeiten, etwa wenn Mond bzw. Sonne mit
einem Schnur-Zug angeknipst werden. Auch dass der Jäger beim Schießen eine
blutige Hand bekommt, gehört in die Reihe der seltsamsten Zufälle und Situationen, mit
denen das Stück nicht geizt. Da strandet der Jude Weisman, in der Hand eine Papiertüte
mit einer Urne mit der Asche seiner Frau, in Begleitung seiner Tochter Ruth, einem
liebenswert zurückgebliebenen, triebhaft-naiven Wesen, auf der Fahrt nach New York
ausgerechnet in der Prarie; er hat sich in ihrer goldenen Weite hoffnungslos verirrt -
diese wird durch eine deutlich gemalte Hintergrundkulisse und einen dürren Baum samt
Truthahn-Geier deutlich als Spielort markiert (Ausstattung: Dorothee Silbermann).
Fantastische Fassade
Ein Jäger nimmt ihm sein Auto ab, ein Indianer kommt auf
dem Fahrrad und versucht, mit einer ganzen Palette von Putzmitteln seine rote Körperfarbe
- die man nicht sieht! - abzuwaschen. Alle diese unwahrscheinlichen, grotesken
Zufalle weisen darauf hin, dass das äußerliche Geschehen reine Fiktion, nur Bild ist.
Ausgetragen wird ein geistiger Wettkampf um den letzten Platz, um die meisten Defekte.
Dabei geht der Jude Weisman zu Grunde. Dennoch hat dieses Ende, ohne Kleider, ohne
Tochter, mit Asche bestreut, wenig Bedrückendes. Hinter der fantastischen Fassade
verbergen sich allgemeine Wahrheiten wie »Unter der Haut sind alle Menschen
gleich«; man spielt nur Rollen, ist auf der Suche nach sich selbst: »Ich bin nicht, was
ich bin.«
Am Schluss packt der Indianer Ruth, die vom Vater mit
Sonnenbrille und Zigarette »dekoriert« worden war, in seine Decke, nimmt sie mit sich;
sie scheint glücklich. Tabori fragt bei seinem Stück hintersinnig, was eine solche
Opfer-Haltung des lustvollen Sich-Herabsetzens denn mit sich bringt. Die Zuschauer in den
Kammerspielen waren zuerst von den Geschehnissen etwas verwirrt, bei der allzu langen
Wasch-Zeremonie etwas gelangweilt, beim Runden-Kampf um die schlimmste Benachteiligung
aber wurde es spannend und dicht.
Die Aufführung lebte vor allem von den Darstellern: Stefan
Kleinert wechselte als Jäger schnell über die Bühne, Max de Nil war ein humorvoller,
sanguinischer, glaubhaft differenzierter Weisman, Simone Ascher bewegte als Ruth in ihrer
schutzbedürftigen Behinderung, Gutgläubigkeit und Freundlichkeit mit verschobenem
Gesicht, undeutlicher Aussprache und verdrehten Bewegungen. Nils Liebscher markierte als
Rotgesicht Stolz, Männlichkeit und auch starre Zielsetzung mit ungerührter Miene. Der
Gutmütige unterliegt hier - innerlich aber hat er gesiegt. Viel Beifall.
Renate Freyeisen / Main-Echo
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